Rydzek wirft nach fünf olympia den anker: „ich bin voll mit mir im reinen“
Oslo – Sonntag, 14.03 Uhr: Wenn der Startschuss zum Teamsprint fällt, beginnt für Johannes Rydzek zugleich ein Abschied, der fünf Olympia und sieben Weltmeistertitel versammelt. Nach 18 Weltcup-Siegen und vier olympischen Medaillen beendet der 34-jährige Oberstdorfer seine Karriere – und das nicht als ramponierter Veteran, sondern als frisch gezeichneter Olympia-Achter von Cortina, der sich selbst beim letzten Durchgang noch in Schlagdistanz zum Spitzenfeld hielt.
„Es ist Zeit, Lebewohl zu sagen“, sagt Rydzek im Gespräch mit TSV Pelkum Sportwelt. „Ich spüre keine Frustration, nur ein leichtes Ziehen, als würde man das letzte Mal mit dem Rucksack vor der Hütte stehen und wissen: Jetzt wird das Tor zugemacht.“
Der perfekte moment für den absprung
Der Zeitpunkt ist bewusst gewählt. Noch vor drei Wochen jagte er mit Vinzenz Geiger im Teamsprint die Goldspur, musste sich nach Stürzen des Kollegen mit Rang fünf begnügen. Es war dieselbe Dramatik, die ihn schon 2022 in Peking kurz vor dem Podest einholte. „Diese Momente nagen nicht, sie schärfen das Bild“, sagt Rydzek. „Ich nehme sie mit wie Abschiedslinien im Schnee – sie verschwinden, aber man weiß, wo man war.“
Bundestrainer Eric Frenzel, selbst einst Partner auf der Medaillenjagd, nennt das „ein Lehrstück in Beständigkeit“. Über zwei Jahrzehnte Weltcup, dabei 18 Einzelsiege, Gesamtweltcup-Zweiter 2017, nie länger als sechs Wochen außer Gefecht. „Johannes war nie ein Lautsprecher, er war ein Taktgeber“, sagt Frenzel. „Wenn er sprach, haben alle aufgepasst, weil seine Sätze stimmig waren wie seine Skiwechsel.“

Gold von der großschanze als lebensversicherung
2018 in Pyeongchang schrieb er sich in die Ewigkeit: Olympiasieg von der Großschanze, dazu Teamgold. „Das war keine Eruption, das war ein Vulkanausbruch nach Jahren geologischer Vorarbeit“, sagt Rydzek. Sein Vater hatte ihm damals ein altes Band der Herren-Abfahrt von 1976 mitgebracht; Rydzek schaute es sich vor dem Rennen an, „um zu spüren, dass auch Legenden einmal nur Nerven waren“.
Die Bronzemedaille von Vancouver 2010 hatte ihm die Türe zur Finanzierung offen gehalten, Silber 2014 die Tür zur Führungsrolle. „Ohne diese Metallstufen wäre ich wohl irgendwann in eine Marketing-Agentur abgedrückt“, sagt er lachend. Stattdessen baute er sich ein Betonfundament aus Siegen und Erzählungen, das selbst Windböen von 180 km/h auf der Schanze nicht wegriß.

Die zukunft bleibt in der kombination verwurzelt
Verabschiedet wird sich Rydzek nicht in die Idylle. „Ich werde der Kombination erhalten bleiben, nur eben außerhalb der Loipe“, kündigt er an. Ein Engagement als Co-Trainer oder sportpolitischer Berater steht im Raum, Details verhandelt er nach dem Rennen. „Ich kenne die Zahlen, die Stundenpläne, die Leistungskurven. Ich kann jungen Athleten zeigen, wie man sich selbst zur Hochform zwingt, ohne sich zu zerreißen.“
Seine letzte Reise geht also nicht ins Leere, sondern zurück an den Berg, auf dem er 1997 das erste Mal auf Schier stand. „Ich nehme 25 Koffer Erfahrung mit, aber kein Gramm Sentimentalität“, sagt er. „Die nächste Generation soll nicht meine Spur treten, sie soll ihre eigenen Linien ziehen – und wenn sie dabei abrutscht, reiche ich den Stock weiter.“
Am Sonntag, wenn in Oslo die Stadionlichter abdunkeln, bleibt eine Zahl stehen: 412 Weltcup-Einsätze. Dahinter ein Mensch, der sich nie in Statuten verlor. „Ich war mehr als die Hälfte meines Lebens im Weltcup unterwegs“, sagt Rydzek. „Jetzt zählt die andere Hälfte – und die beginnt mit einem Satz, den ich mir selten erlaubt habe: Genug.“
