Rydzek fliegt, lamparter lacht: holmenkollens dramatischer abschied
Oslo – 14. Startplatz, 48 Sekunden Rückstand, eine Schwester, die von der Schanze winkt, und ein letztes Mal Johannes Rydzek. Was folgte, war keine perfekte Medaille, sondern ein Monument aus Willen: Platz acht im Ziel, Tränen im Zielstrich, Sekt statt Podium – und die Gewissheit, dass niemand diesen Sport so verlassen wird wie er.
Rydzek selbst sagte später im ARD-Mikro, die Gänsehhabe sei ihm „zwischendurch den Rücken hinuntergelaufen“. Das klingt nach Klischee, war aber sein ehrlicher Befund. Denn der 34-Jährige spürte, dass der Körper diesmal nicht mehr jene Extrazündung liefert, die ihn 2017 in Lahti zu vier Gold-Medaillen und zum deutschen Sportler des Jahres katapultierte. Die Aufholjagd blieb, die Konstanz nicht.
Die deutsche delegation trauert leise
Im Zielraum warteten die Kombiniererinnen des DSV mit Sektkelchen. Kein Trainer-Speech, keine Marketing-Show – nur stiller Respekt. Denn mit Rydzek verschwindet der letzte Aktive, der die Nordische Kombination noch aus der Ära kennt, in der Deutschland die Welt dominierte. 18 Weltcupsiege, 14 WM-Medaillen, zwei Olympiasiege – diese Zahlen stehen für sich, brauchen keinen Kommentar.
Stattdessen übernimmt nun Johannes Lamparter das Zepter. Der Österreicher feierte seinen fünften Saisonsieg, den Gesamtweltcup hatte er schon vor Oslo gebucht. Hinter ihm landeten die Brüder Oftebro – Jens Luraas vor Einar – und demonstrierten, dass Norwegen noch längst nicht fertig ist mit dieser Sportart. Für Deutschland wird es düster: Vinzenz Geiger, zweimal Olympiasieger, schritt nach dem Springen zur Seite, Saison vorbei, Form weiter auf Tauchstation.

Holmenkollen als bühnenboden der geschichten
Der Holmenkollen ist kein Stadion, es ist ein Archiv. 2011 debütierte Rydzek hier bei der WM, heute schloss er den Bogen. Gleiches gilt für Akito Watabe, Espen Andersen und Alessandro Pittin, die ebenfalls Karriereende feierten. Vier Länder, vier Epochen, ein gemeinsamer letzter Tanz auf 134 m Schanzenlänge. Die Fotografen knipsten Serien, die später niemand mehr braucht – aber jeder wird sie aufbewahren, weil sie das Ende einer Ära zeigen.
Was bleibt? 1,3 Millionen Zuschauer vor den Bildschirmen laut ARD-Zahlen, ein neuer Gesamtweltcup-Sieger aus Österreich, ein Deutscher, der sich mit Rang acht verabschiedet – und eine Frage, die der DSV-Präsident bis zur Sommersession beantworten muss: Wer wird künftig deutsche Medaillen holen, wenn Olympia 2030 vor der Tür steht?
Rydzek selbst wird das nicht mehr mitmachen. Er will sich „positiv in Erinnerung halten“, sagte er. Das ist ihm gelungen. Seine Abschiedszeit von 24:37 Minuten auf der 15-Kilometer-Strecke war keine Bestmarke, aber seine vielleicht wichtigste: Sie beweist, dass man auch im Gehen noch mal Gas geben kann.
