Reimann packt aus: so fühlt sich der erste berliner-sieg bei paralympics an
Null zwölf gegen China, ein Sieg nach zwanzig Jahren und ein 60-Jähriger im Kader: Leopold Reimann lachte trotzdem. Der erste Berliner bei Paralympischen Winterspielen erzählt, warum das 5:4 gegen die Slowakei wie Gold schmeckte – und warum er trotz Vollzeitjob um 5 Uhr aufsteht, um zu trainieren.
Der tag, der wie ein finale endete
Der Puck rutschte über das Eis, 2 500 Zuschauer im Mailander „Ice Arena“ hielten den Atem an. 58 Minuten waren gespielt, als Felix Schrader den entscheidenden Schuss abfeuerte. „Wir sind alle rauf“, sagt Reimann. „Ich glaube, keiner wusste mehr, ob wir uns noch auf die Beine halten konnten.“ Der Jubel glich einer Goldmedaille – obwohl es „nur“ um Platz fünf ging. Der erste deutsche Sieg bei Winter-Paralympics seit 20 Jahren. „Die Bilder liefen im rbb, die Handys glühten, meine Kollegen bei Siemens schrieben: ‚Alter, du bist ja ein Held!‘“
Dabei hatte die Reise mit einem Debakel begonnen. 0:12 gegen China. „Wir haben es sogar noch unter 10 halten wollen“, sagt Reimann trocken. Die Gegner? Vollprofis, monatlich zusammen, vom Staat finanziert. Die deutsche Truppe? Montag bis Freitag Projektmanager, Samstag Frühdienst auf dem Feld. „Unser ältester Spieler ist 60, unser jüngster 19. Dazwischen liegen zwei Generationen, aber nur eine Leidenschaft.“

Die nachtschicht vor dem training
Reimanns Alltag klingt wie ein Logistikpuzzle. 5 Uhr aufstehen, 6 Uhr Krafttraining im Keller, 7 Uhr Pendeln nach Siemens, abends wieder 90 Minuten Rollstuhlsprint in Pardubice. „Man plant seine Woche wie ein Projektleiter, nur dass das Ende kein Meilenstein, sondern ein Schweißbad ist.“ Dreimal im Monat fliegt er nach Prag, um in der tschechischen Liga mitzumischen. „Die Leute fragen: ‚Wie kannst du das neben dem Job schaffen?‘ Ich frage zurück: ‚Wie kannst du es lassen?‘“
Der Trick ist die Community. Die Spieler verabreden sich über WhatsApp-Gruppen, teilen Hotelzimmer, fahren mit dem Minibus. „Wir haben kein High-Performance-Center, wir haben uns gegenseitig.“ Und die Erfahrung der Veteranen? „Goldwert“, sagt Reimann. „Jörg Wedde erklärt dir in 30 Sekunden, warum du im Bully die Kante nimmst, statt direkt zu schießen. Das spart dir drei Wochen Videoanalyse.“

80 Förderplätze gegen 1 500 olympia-profis
Die Zahlen sind ein Schlag in die Magengrube. Rund 180 Paralympics-Stipendien gibt es in Deutschland, für Olympia sind es mehr als 1 500. „Wir sind keine Amateure, wir sind Dauerbrenner“, sagt Reimann. „Wenn du nebenbei arbeiten musst, kannst du dich nicht mit Kanada messen, wo die Jungs seit Januar zusammen wohnen.“ Der Lösungsvorschlag klingt einfach, ist es aber nicht: „Mehr Geld bedeutet mehr Trainingslager, mehr Videoanalyse, mehr Regeneration – und am Ende vielleicht wieder eine Medaille.“
Bis dahin bleibt der Blick nach vorn. Die A-WM 2027 steht an, Deutschland muss unter die Top 6, sonst droht der Abstieg. „Wir fangen im August wieder an“, sagt Reimann. „Dann heißt es wieder: 5 Uhr, Keller, Krafttraining. Aber wenn der erste Schnee fällt, bin ich bereit – und meine Kollegen wissen Bescheid.“
