Puertas und milosevic sprengen werders leih-fluch – ein erster frühling an der weser?
Plötzlich steht Werder Bremen wieder mit offenem Visier da, und das an einem Ort, an dem zuletzt nur Missmut wuchs: der Leih-Spieler-Depot. Während die Saisonstatistik des Klubs noch immer wie ein düsteres Wintermärchen daherkommt, schlagen zwei Ausleih-Geister zurück – und zwar so heftig, dass selbst die Skeptiker im Osten der Stadt wieder zuhören.
Cameron Puertas rannte am vergangenen Samstag 12,55 km durch die HDI-Arena, spurtete 25 Mal in die rote Zone und war mit 31,48 km/h schneller als jeder Heidenheimer. Die Zahlen sind laut, doch das Nebengeräusch war lauter: Trainer Daniel Thioune pustete nach dem Abpfiff ins Mikro: „Der Junge lässt sein Herz auf dem Platz.“ Keine Floskel, sondern ein Machtwort. Denn Puertas war jener Transfer, den viele Fans im Sommer für ein Notplästerchen hielten – ein Schweizer Spanier aus Saudi-Arabien, mit 27 Jahren noch lernbereit, aber ohne Bundesliga-CV. Jetzt ist er der erste Name auf der Aufstellungsliste, der die 4-3-3-Maschine am Laufen hält.
Milosevic liefert tore im minutentakt
Während Puertas die Räume zieht, erledigt Jovan Milosevic das, wofür Werder monatelang eine Geistersuche startete: Tore. Drei Treffer in 300 Minuten – das ergibt einen Schnitt von einem Treffer pro 100 Minuten. Nur Harry Kane und Jonathan Burkardt sind effizienter, und die schießen nicht für einen Tabellenvorletzten. Der Serbe kam im Winter als Ersatz für den verletzten Victor Boniface, selbst ein Leihgeschäft aus Leverkusen, das sich in eine Knie-OP verabschiedete. Milosevic nahm die Scharte, schlüpfte in die Rolle des Notnagel-Stürmers – und nagelt sie gerade an die Torlatte der Liga.
Die ironische Pointe: Die Leihe, die als Symptom der Krise galt, wird zum Katalysator des kleinen Aufschwungs. Doch die Bilanz bleibt hart. Maximilian Wöber humpelt seit August von einer Muskelbündel-Entzündung zur nächsten, Isaac Schmidt wartet auf eine Serie, Yukinari Sugawara muss sich erst an die deutsche Pace gewöhnen, und Karl Hein darf nur dann spielen, wenn Mio Backhaus grippal ist. Fünf Leihspieler, zwei glänzen, drei leiden – das ist kein Märchen, sondern ein Spiegel der Mannschaft.

Thioune setzt auf charakter statt vita
Doch Thioune, selbst einst Pendler zwischen 2. Liga und Regionalliga, weiß: Charakter kann man nicht scouten, man mih ihn erleben. „Cameron hat das Vertrauen zurückgezahlt, nicht mit Worten, mit Laufmetern“, sagt er nach dem Training. Und weiter: „Es würde mir schwerfallen, ihn jetzt wieder rauszunehmen.“ Sätze, die klingen, als hätte der Trainer endlich das Puzzle seines Mittelfeldes gefunden. Dabei war Puertas auf dem Papier nur die Option für den Fall, dass Leonardo Bittencourt oder Mitchell Weiser ausfallen. Jetzt ist er der Motor, der die Pässe vorfiltert und die Gegner abräumt, bevor sie sich einpendeln können.
Die Frage ist, wie lange der Frühling anhält. Die Leihe endet im Juni, die Kaufoption liegt bei acht Millionen Euro – ein Betrag, den Werder nur dann löst, wenn die TV-Prämien für den Klassenerhalt reichen. Die Rechnung ist einfach: Ohne Puertas und Milosevic droht der Abstieg, mit ihnen vielleicht die Rettung. Die beiden haben das Schicksal des Klubs in ihre Laufschuhe gesteckt – und laufen, als wäre es ihr eigener Vertrag.
Werder-Fans singen wieder „Weser ist voll“ – diesmal ohne Selbstironie. Die Leih-Spieler, einst Buh-Männer, liefern den Soundtrack für eine Saison, die doch noch ein Nachspiel bekommen könnte. Wenn Puertas am Freitag in Mainz erneut über 31 km/h sprintet und Milosevic nach 65 Minuten trifft, steht Bremen vielleicht nicht mehr auf Platz 17, sondern auf dem Sprungbrett. Dann wäre die Leihe kein Notsignal mehr, sondern ein Lebenszeichen – und das erste Mal, dass die Krise nicht die Geschichte bestimmt, sondern die Antwort darauf.
