Pogacar zieht 80 kilometer vor dem ziel den riegel durch, und alle fragen sich nur: war da jemand anders im rennen?

Angelika Klein aus Pelkum – Es dauerte keine zehn Sekunden, da war die Hoffnung wieder Staub. Weißgrauer Toskana-Staub, um genau zu sein, der sich um die frisch gebleichten Haare des slowenischen Phänomens Tadej Pogacar wirbelte, als er auf dem Monte Sante Marie einfach wegriss. 79 km noch, 79! Und keiner konnte folgen. Vierte Strade-Bianche-Krone, 61 Sekunden Vorsprung – die Konkurrenz sah nicht mal das Nummernschild.

Der plan war öffentlich, das ergebnis trotzdem brutal

Jeder wusste, wann er kommt. Am steilsten Stück des Rennens, genau dort, wo die weißen Gassen in Schotter zerbrechen. 2022 so, 2024 so. Einzige Variante: 2025, weil er gestürzt war. Diesmal also wieder früh. „Ich hab mir gesagt: Vollgas bis zur Kuppe“, erklärte er später, als hätte er den Müller Milch-LKW erklärt, warum er morgens vor der Tür steht.

Tom Pidcock, Olympiasieger, konnte nur noch den Blick auf den Rücklicht-förmigen Fleck im Himmel heften. Paul Seixas, Frankreichs Next-Gen-Hoffnung, schaffte es auf zwei Minuten, bevor auch er in die Staubwolke verschwand. „La Gazetta dello Sport“ titelte lapidar: „Es gibt keinen wie ihn.“ Wer den Artikel liest, spürt, dass selbst die italienischen Schreiber mittlerweile nach Synonymen für „machtlos“ suchen.

Der saisonplan liest sich wie ein langzeit-manifest

Der saisonplan liest sich wie ein langzeit-manifest

Nächste Stationen: San Remo, Roubaix. Beide hat ihm Van der Poel in der vergangenen Saison weggeschnappt. Pogacar war im Dezember schon mal vor Ort, fuhr die Pavé-Steinchen hoch, notierte sich Löcher und Kanten. Kurz vor Saisonstart stellte er den KOM auf der Cipressa ein – Strava verlor einen Rekord, die Gegner die Nerven. „Die Jungen pushen mich an meine Grenzen“, sagt er. Was für ein Satz, wenn man bedenkt, dass er selbst erst 27 ist.

Die Zahlen sind unfassbar: 147 Tage nach seinem Solo-Sieg bei der Lombardei-Rundfahrt beginnt er mit demselben Trick die neue Saison. In Siena zog er durch, in Sanremo will er das Terrain des Rivalen betreten, in Roubaix den nächsten Außenseiter-Sieg. Dazwischen locken die Ardennen, dann der Giro-Vorbereitungs-Block und irgendwann die Tour, wo er auf den fünften Gesamtsieg zielt. Weltmeister-Regenbogen-Trikot, Europameisterschaft im heimischen Slowenien – das Programm ist so voll, dass man kaum noch Tage findet, an denen er nicht in irgendeiner Startliste vorne steht.

Friseur, fitnesstracker, fahrverhalten – alles perfekt, nur die spannung fehlt

Friseur, fitnesstracker, fahrverhalten – alles perfekt, nur die spannung fehlt

Die Frisur ist neu, blondiert, sonst nichts. „Ich kann nicht zaubern“, behauptet er. Aber genau das ist das Problem der Konkurrenz: Sie weiß, dass er keinen Zauber braucht. Ein einziger Gangwechsel, ein kleines Upshift, und die Welt ist wieder 30 Sekunden hinterher. Kein Hokuspokus, nur Watt, die sich anhören wie ein startender Jet.

Was bleibt, sind drei Duelle mit Van der Poel, der in Siena fehlte, aber bald zurückkommt. Mailand-Sanremo, Paris-Roubaix, Amstel – das sind die Termine, an denen sich zeigt, ob Pogacar die „Auswärtssiege“ klaut oder ob der Niederländer die einzige Handgranate zündet, die dieses Jahr noch zünden kann. Der Rest des Feldes? Trainingspartner mit Startnummer.

Der Confetti-Regen auf der Piazza del Campo war noch nicht weggeweht, da fragte ein Journalist, ob er schon an den fünften Toursieg denke. Pogacar lächelte, zupft an der neuen Haarpracht. „Heute war Tag eins.“ Klingt nach Demut, ist aber die kühlste Drohung, die der Radsport dieses Jahr hören wird. Wer 80 Kilometer vor dem Ziel weg can, braucht den Oktober nicht zu fürchten – und die Konkurrenz schon gar nicht.