Pogacar rast auf asphalt: so gewann er sanremo mit blankem hintern

Als Tadej Pogacar am Samstagabend die Via Roma entlangraste, hing sein Regenbogentrikot in Fetzen, und die Haut an seiner linken Hüfte war bis auf die Fleischfarbe weggeschürft. Er hatte gerade die Milano-Sanremo gewonnen – nicht trotz des Sturzes, sondern wegen ihm.

Die Szene, die kaum jemand live gesehen hatte, passierte auf dem Poggio, 6,4 km vor dem Ziel. Ein Touchierter Vorderrad, ein Hinterrad, das wegrutschte, und plötzlich lag der Weltmeister auf dem Asphalt. Die meisten Weltklassefahrer hätten in diesem Moment die Flinte ins Korn geworfen. Pogacar stand auf, schwang sich in die Pedale und jagte mit 60 Stundenkilometern die Abfahrt hinunter. „Ich hatte nichts mehr zu verlieren“, sagte er später, „also musste ich alles riskieren.“

Die fünf minuten, die das rennen drehten

Die fünf minuten, die das rennen drehten

Erstens: der Sturz. Er verpasste den letzten Zug des Pelotons, riss sich aber mit Adrenalin im Blut wieder heran. Zweitens: das Tempo. Auf dem Poggio schaltete er in den 53×11-Zahnkranz und fuhr die Gruppe auseinander. Drittens: die Position. Im letzten Kilometer ließ er sich nicht in die Box drängen, sondern fuhr breit, um sich Luft zu verschaffen. Viertens: die Beine. 1.200 Watt Spitzenleistung misst sein Powermeter in der letzten 200-Meter-Rampe. Fünftens: der Blick. Er schaute nicht zurück, sondern fixierte die Ziellinie – ein Mantra, das er sich selbst einflüsterte.

Die Uhr stoppte bei 6:13:37 Stunden, der zweitschnellste Wert seit 1998. Hinter ihm strampelte Filippo Ganna vergeblich, 14 Sekunden zurück. Die Trophäe, ein kristallenes Meerwasser, passte kaum in Pogacars zitternde Hände. „Ich fühlte mich wie ein Boxer, der nach zwölf Runden noch steht“, sagte er, „nur dass mein Ring 298 Kilometer lang war.“

Für den 27-jährigen Slowenen war es die erste Monument-Sieg seiner Karriere. Bislang galt er als König der Rundfahrten, nicht der Klassiker. Mit diesem Coup schreibt er die Saisonvorschau neu: Paris-Roubaix liegt nun in Reichweite, und die Frage ist nicht mehr, ob er kann, sondern wer ihn stoppen soll. Die Antwort liegt irgendwo zwischen dem Asphalt des Poggio und dem Regenbogentrikot, das heute wie ein Fetzen aussieht – aber als Fahne in die Geschichte einging.