Odermatts riesenslalom-bluff geht nach hinten los – kugel weg, zukunft offen

48 Punkte Vorsprung, Startnummer eins, ein solides Ergebnis hätte gereicht – und trotzdem grätscht Marco Odermatt in Adelboden nach 24 Toren hinaus. Kein Kratzer, keine Finte, einfach weg. Die Riesenslalom-Kugel rutscht ihm durch die Skitasche, und auf der Zielgerade steht plötzlich Lucas Pinheiro Braathen da, der sie schon halb entführt.

Statt abzremsen, trat er durch – und flog raus

„Ich wollte die Nummer eins ausnutzen“, sagt Odermatt, noch mit Schneeflocken im Haar, „nicht irgendwie Punkte zusammenzählen.“ Das klingt nach Heldensaga, endet aber als Lehrstück über Selbstüberschätzung. In Kranjska Gora war er „abeghösslet“ – ein bisschen verhuscht –, diesmal schraubte er die Neigung auf Angriff. Erste Fehllinie, zweite Fehllinie, Aus. Die Wahl zwischen Risiko und Routine? Odermatt wählte das Messer und schnitt sich selbst.

Der Nidwaldner spricht offen über die Folgen. „Vor zwei, drei Jahren hätte ich den ersten Fehler gemacht, den zweiten sicher nicht.“ Das klingt wie ein Eingeständnis, dass das automatische Notbrems-System, diese mikrosekunden Schnelleinstellung, die ihn einst auszeichnete, Rost angesetzt hat. „Es fehlt das gewisse Etwas“, sagt er und meint damit nicht die Magie, sondern die letzte halbe Grad Drehung, die ihn auf der Kante hält statt abschießt.

Heim-wm als letztes kapitel? odermatt denkt laut über rückzug nach

Heim-wm als letztes kapitel? odermatt denkt laut über rückzug nach

Plötzlich steht da ein Satz, der alles überlagert: „Aber nachher ist dann vielleicht irgendwann schon fertig.“ Odermatt redet vom Riesenslalom, der Disziplin, mit der er groß wurde, die ihm vier Kristallkugeln bescherte. Nächste Saison will er noch einmal „Gas geben“, weil die WM in Saas-Fee vor der Haustür liegt. Danach? Keine Garantie mehr.

Die Konkurrenz schläft nicht. Pinheiro Braathen führt, die Kugel ist so gut wie weg, und die Statistik lügt nicht: Wer fünfmal in Folge gewinnt, der wird irgendwann gejagt, nicht mehr nur Jäger. Odermatt weiß das. Er könnte defensiv fahren, sich mit Top-10 begnügen, die Serie prolongieren. Er entscheidet sich für den Sieg oder nichts – und bekommt nichts.

Die Frage ist nicht mehr, ob er die Kugel verliert. Die Frage ist, ob er sich selbst verliert, wenn er weiter auf Vollgas setzt, wo andere schon mit dem Handbremse-Modus ins Zimmer fahren. Die Antwort gibt der Schweizer selbst: „Ich habe die Kugel aus eigener Kraft erfahren wollen.“ Jetzt erfährt er die eigene Grenze – und die kann nächstes Jahr eine andere sein.