Nagelsmanns wm-debakel: haltung statt analyse – ein schlusspunkt?

Die deutsche Nationalmannschaft ist ausgeschieden. Nicht unglücklich, wie es scheint. Nach dem blamablen Ausscheiden im Sechzehntelfinalegegen Paraguay steht fest: Julian Nagelsmann muss gehen. Doch anstatt einer schonungslosen Analyse präsentierte der Bundestrainer vor allem eines: eine fragwürdige Haltung.

Die mängelliste ist erdrückend

Schon in der Gruppenphase deuteten alle Warnsignale auf ein gravierendes Problem hin. Ein glücklicher Sieg gegen die Elfenbeinküste, ein fragwürdiger Erfolg gegen Ecuador und eine klare Niederlage gegen Curacao offenbarten eine Mannschaft ohne Stabilität, ohne Spielidee und ohne jegliche Leidenschaft. Gegen Paraguay setzte sich dieses Bild nahtlos fort. Die Leistung war nicht nur enttäuschend, sondern schlichtweg erschreckend. Ideenlos, ohne Tempo und ohne kreative Lösungen agierte das deutsche Team gegen einen Gegner, der von Kampfgeist und taktischer Disziplin geprägt war.

Die Offensivarmut war alarmierend. In der ersten Halbzeit erspielte sich die DFB-Auswahl keine einzige Torchance. Undavs überraschende Startelf-Nominierung, während Musiala auf der Bank schmoll, wirkte wie ein weiterer Nagel im Sarg der deutschen WM-Hoffnungen. Ein Wechselspiel, das sich in den letzten Monaten immer wieder wiederholte: Nagelsmann kündigte einen Plan an, um ihn dann im entscheidenden Moment doch wieder zu verwerfen.

Kimmichs rolle: ein fatales versäumnis

Kimmichs rolle: ein fatales versäumnis

Auch der Umgang mit Joshua Kimmich war ein Rätsel. Nagelsmann beklagte nach dem Schlusspfiff das Fehlen von „Breite in den Aktionen und Konsequenz in der Strafraumbesetzung“, während Kimmich fast 80 Minuten lang auf der Position des Rechtsverteidigers ausharren musste. Ein Spieler, der das Spiel hätte lenken und die offensive Kreativität ankurbeln können, wurde unnötig auf einer Position verschanzt, die nicht zu seinen Stärken gehört.

Die vergebene Chance auf ein besseres Ergebnis wird durch die Reaktion des Trainers noch verstärkt. Der angebliche „Voll-Skandal“ um Tahs Tor – eine Reaktion, die von einer fehlenden Selbstreflexion zeugte. Es ist leicht, die Schuld auf den Videoassistenten zu schieben, aber es erklärt nicht, warum das Team über 120 Minuten hinweg kaum Lösungen fand.

Die wurzeln des scheiterns liegen tiefer

Die wurzeln des scheiterns liegen tiefer

Das eigentliche Problem liegt jedoch schon nach dem EM-Aus im Sommer 2024. Die Erzählung, Deutschland sei nur an einem nicht gegebenen Handelfmeter gescheitert, verfestigte sich im Verband. Nagelsmann trug seinen Teil dazu bei, indem er zu optimistisch über die Entwicklung seines Teams sprach. Statt Defizite klar zu benennen, verwies er auf „gewachsene Abläufe“ und einen „vermeintlich gefestigten Kern“. Diese Selbsttäuschung hatte nun ihren bitteren Preis.

Die Warnsignale waren zahlreich. Die schwankende Leistung in der Qualifikation, die fehlende Energie in vielen Spielen und die fragwürdigen Personalentscheidungen – all das deutete auf eine Mannschaft hin, die weit entfernt von der Weltspitze war. Die Nominierungen von Spielern wie Goretzka oder Groß wirkten ebenso wenig nachvollziehbar wie die Nicht-Berücksichtigung von El-Mala oder Adeyemi. Wirtz fand unter Nagelsmanns Leitung ebenfalls nicht in seinen Rhythmus, und Musiala wirkte zunehmend blass.

Die Wahrheit ist schmerzhaft: Deutschland hat nicht nur gegen Paraguay verloren, sondern gegen sich selbst. Nagelsmanns Fehlentscheidungen und seine mangelnde Fähigkeit zur Selbstkritik haben maßgeblich zu diesem Debakel beigetragen. Die WM ist vorbei – und mit ihr das Kapitel Julian Nagelsmann in der deutschen Fußballgeschichte. Die Suche nach einem neuen Bundestrainer beginnt von Neuem. Die Frage ist, ob der DFB aus den Fehlern der Vergangenheit gelernt hat.