Nagelsmanns jumbo startet mit verspätung: jetzt zählt nur noch der ball
Über dem Frankfurter Himmel ballen sich Gewitterwolken, der Lufthansa-Airbus „Wuppertal“ nimmt 28 Minuten später ab als geplant. An Bord: Julian Nagelsmann und 26 Profis, die sich einbilden, sie könnten die vergangenen WM-Frustjahre mit einem einzigen Turnier löschen. Die Realität beginnt schon beim Rollen zur Startbahn.
Keine sondermaschine, dafür trikots für alle
Diesmal verzichtet der DFB auf die übliche VIP-Charter. Stattdessen sitzen die Nationalspieler in der Economy neben schwitzenden Touristen, die um 12.14 Uhr plötzlich ein glänzendes weißes Deutschland-Trikot in die Hand gedrückt bekommen. Neben ihnen: Kai Havertz, der seinen Platz noch nicht gefunden hat – er fliegt später aus London nach, weil der Champions-League-Finale-Schock zuerst verdaut werden muss.
Manuel Neuer stemmt sein Handgepäck ins obere Fach, schweigt. Hinter ihm murmelt Antonio Rüdiger etwas von „neuer Stärke“, was im Nachhinein wie ein schlechtes Wortspiel klingt. Draußen peitscht der erste Regen gegen die Scheiben, drinnen summt das Sicherheitsvideo.

Chicago ruft – und ein altes trauma
Neun Stunden später landet der Airbus in Chicago. Dort wartet das erste Training auf dem Trainingsgelände des Chicago Fire, am Samstag die Generalprobe gegen die USA im Soldier Field. Ein Stinkefinger, nasse Haare und ein nicht geahndetes Handspiel – so schnell kommen die Erinnerungen an die letzte WM in den USA hoch. 1998, Viertelfinale, Kroatien. 2002, Finale, Brasilien. Die Historie nagt.
Der Kader steht, 26 Namen ohne Nachnominierungsspielraum. Nur eine Notlösung bleibt: Verletzung und ärztliches Attest. Ansonsten zählen jetzt 270 Minuten Gruppenphase gegen Curacao, Kamerun und Südkorea. Alles andere wird Nebensache sein.
Wer fragt, ob diese Mannschaft wirklich bereit ist für den Titel, bekommt von Nagelsmann ein Achselzucken. „Fokus auf den Sport“, sagt er. Mehr nicht. Kein Wort zur Kritik an der Qatar-Affäre, kein Wort zu den Millionen-Boni. Nur der Ball.
In Chicago geht die Sonne unter, in Deutschland fragen sich Fans, ob ihr Team diesmal länger als drei Wochen bleibt. Die Antwort liegt irgendwo zwischen Startbahn 25 und Gate B44.
