Nagelsmann zerreißt das regelbuch: jetzt oder nie für die wm-neulinge

Der Gruppensieg ist sicher, das Sechzehntelfinale bereits am Horizont – und trotzdem schreit Nadiem Amiri: „Wir gehen rein, als wäre es das Finale.“ In Winston-Salem brodelt der Kader vor ungeduldiger Energie, weil acht Profis noch auf ihre ersten WM-Minuten warten.

Der schweinsteiger-vorstoß: neuer auf die bank

Bastian Schweinsteiger fordert, das heilige Dreigestirn zu sprengen: „Ich würde Oliver Baumann ins Tor stellen. Warum nicht?“ Die Aussage trifft Manuel Neuer wie ein leiser Seitenhieb – der Kapitän hat bislang jede Sekunde gespielt und müsste erstmals zusehen. Doch Nagelsmann wird nur „dezent rotieren“, kein Klassentreffen der Reservisten.

Das vorzeitige Aus von Nico Schlotterbeck erzwingt wenigstens eine Änderung. Antonio Rüdiger rückt ins Zentrum und bringt mit seinem Leibchen das Tempo zurück, das gegen die Elfenbeinküste in der zweiten Halbzeit fehlte.

Deniz undav und der fluch der perfekten flanke

Deniz undav und der fluch der perfekten flanke

56 Minuten, drei Tore, zwei Vorlagen – Undav ist derzeit effizienter als Lionel Messi und trotzdem nicht gesetzt. „Ich kann mir vorstellen, dass er beginnt“, sagt Nagelsmann, lacht, und alle wissen: Er könnte genauso gut wieder Joker bleiben. Amiri war es, der ihm die Flanke auflegte, die das 1:1 einleitete – und disqualifiziert sich damit selbst für einen Startelfplatz. „Jeder bekommt seinen Moment“, hatte Amiri prophezeit. Jetzt wartet er wieder.

Die Alternativen auf links: Maximilian Beier, Assan Ouedraogo, Jamie Leweling. Drei Namen, ein Platz, null Nerven. Wer startet, bekommt 60 Minuten, um sich für Boston eine Visitenkarte zu schlagen.

Die ersatzbank als geheimer hauptdarsteller

Die ersatzbank als geheimer hauptdarsteller

Leon Goretzka, Felix Nmecha und Aleksandar Pavlovic rotieren im defensiven Mittelfeld wie in einer Drehtür. Angelo Stiller und Pascal Groß schielen auf ihre Premiere. Dazu Nick Woltemade, der sowohl auf der Neun als auch auf der Zehn einen Plan B darstellt. Die Logik des Turniers fordert: Wer gegen Ecuador noch nicht gespielt hat, darf sich nicht beschweren, wenn er im Sechzehntelfinale nur Kurzeinsätze bekommt.

Die US-Schiedsrichterin Tori Penso pfeift das Spiel – eine Hommage an Bibiana Steinhaus, die als Mentorin gilt. Doch weder sie noch Nagelsmann können verhindern, dass Ecuador zu einer großen Erinnerung wird: Wer am Donnerstag nicht aufläuft, wird am 29. Juni nicht einfach so weitermachen. Die K.o.-Phase beginnt nicht erst im Stadion, sondern im Hotelzimmer von Winston-Salem.

Der Countdown läuft. 17 Spieler, drei Plätze, eine Entscheidung. Wer jetzt zögert, fliegt.