Merlier schreibt schelde-preis-geschichte – der hattrick nach dem horror-winter
Tim Merlier flog aus dem Sattel, landete auf dem Asphalt und trotzdem steht er jetzt dort, wo vor ihm nur Marcel Kittel stand: auf der obersten Stufe des Schelde-Preis zum dritten Mal in Serie. Der 32-jährige Belgier preschte in Schoten 250 Meter vor dem Ziel an und ließ Pavel Bittner und Emilien Jeannière im Windschatten zurück – 205,2 Kilometer nach Terneuzen, nur ein paar Wochen nach seiner Rückkehr aus der Leere einer langen Verletzungspause.
Crash, chaos, coup – wie merlier dem unglück entkam
Die letzte Runde war ein Pulverfass. Erst rissen neun Kilometer vor dem Ziel Tim Torn Teutenberg und Milan Fretin das Feld auseinander, dann kollidierte Dylan Groenewegen mit Luka Mezgec, Phil Bauhaus wurde abgefangen. Merlier schlüpfte durch die Ritze, fand Außenlinien, wo andere nur Sturzstellen sahen. „Ich dachte, ich hätte nichts mehr für den Sprint übrig“, sagte er später, während sein Quick-Step-Team die Fahrräder bereits in die Lkw verlad. Die Wahrheit: Er hatte alles – vor allem die Ruhe, sich nicht in die von Alpecin zu früh eingeleitete Philipsen-Attacke verwickeln zu lassen.
Jasper Philipsen wurde nur Achter, Jordi Meeus 14., Pascal Ackermann als bester Deutscher 15. – die großen Namen schwanden im Getümmel, während Merlier wie ein Geist durch die Wand fuhr. Sein Sprint war kein blinder Endspurt, sondern ein mathematisches Präzisionsprogramm: 68 km/h Endgeschwindigkeit, 12 Sekunden Vollgas, null Meter Liegezeit nach dem Sturz. Die Zahlen sprechen für sich.

Kittel-vergleich? merlier lacht und schaltet höher
Marcel Kittel schaffte 2013 bis 2015 den Dreifach-Treffer in Schoten. Jetzt teilt Merlier dessen Etage – und das, obwohl er nach seiner Trainingspause erst sein zweites Rennen dieser Saison fuhr. „Ich bin mit Fragezeichen gestartet“, gibt er offen zu. Die Antwort lieferte er selbst: drei Siege, drei Mal Gold, drei Mal Jubel auf der Grote Markt. Der Schelde-Preis ist kein Rennen mehr, es ist sein persönlicher Pavillon.
Die Sonne stand bei 22 Grad, die Spitzengruppe um Robin Carpenter wurde nie gefährlich, und trotzdem war nichts Routine. Jedes Rad, das knallte, war ein Reminder an die Fragilität des Pelotons. Merlier aber fuhr nicht nur über Asphalt, er fuhr über Zweifel. „Wenn ich mein Tempo erreicht habe, ist es schwer, mich zu überholen“, sagt er – und klingt dabei so selbstverständlich, als hätte er den Satz schon vor Jahren in seinen Muskeln gespeichert.
Am Ende blieb nur noch der Blick auf die Uhr: 4 Stunden 41 Minuten 28 Sekunden. Dazwischen liegen zwei Stürze, ein Haufen zerbrochener Carbon-Träume – und ein Mann, der sich mit 32 Jahren in die Geschichtsbücher sprintet, ohne je die Notwendigkeit von Superlativen zu betonen. Der Hattrick ist perfekt, die Saison erst acht Tage alt. Der Rest des Feldes weiß jetzt, was Sache ist: Wer Merlier vor sich sieht, sollte sich besser nicht auf eine Zielsprint-Überholung verlassen. Der hat schon länger aufgedreht.
