Martín geht leer aus: „null punkte sind egal – hauptsache, alle leben“

Barcelona – Drei Starts, drei Rotflaggen, null Zähler. Jorge Martín verließ den Circuit de Catalunya mit glasigen Augen, voller Carbonstaub und dem Gefühl, dass er Glück gehabt hatte, überhaupt nach Hause fahren zu dürfen. Der Madrilene rutschte in der MotoGP-Wertung auf Platz fünf ab, 15 Punkte hinter Spitzenreiter Marco Bezzecchi. Doch Zahlen interessierten ihn am Sonntagabend nicht.

„Meine geschichte ist nebensächlich“

„Heute zählt nur, dass Álex Márquez und Johann Zarco atmen können“, sagte Martín, noch in der Box seines Ducati-Teams. „Null Punkte? Egal. Ich habe die Moto zerlegt gesehen, ich habe Teile am Himmel fliegen sehen. Wenn du das erlebst, ist dein Gehirn sofort woanders.“

Der 25-Jährige sprach leise, fast flüsternd. Die Stimme wurde nur laut, als er über die Prozedur schimpfte: drei Starts wegen zweier Massencrashes. „Jeder Neustart bedeutet: nochmal Vollgas, nochmal Risiko, nochmal dieselbe Kurve, in der Minuten zuvor Motorräumer auf dem Asphalt lagen.“

Piste voller splitter, boxengasse voller frust

Piste voller splitter, boxengasse voller frust

Martín selbst rutschte in Start Nummer zwei mit Raul Fernández zusammen. Fernández flog in die Kiesfalle, Martín konnte weiterfahren – bis die Rote Flagge erneut fiel. „Ich habe mit ihm nicht geredet. Die Bilder sind eindeutig, mehr gibt’s nicht zu sagen.“

Was blieb, war Wut auf die Umstände. Zurück in der Garage schubste er Teammanager Paolo Bonora. „Absolut fehl am Platz. Paolo steht mit Leib und Seele hinter mir. Die Jungs reparieren die Bikes in Rekordzeit, und ich drücke aus Frust denjenigen weg, der mir am meisten hilft. Ich werde mich entschuldigen – sofort.“

Atemnot in der startaufstellung

Atemnot in der startaufstellung

War die dritte Wiederholung wirklich nötig? Martín zuckt mit den Schultern. „Wenn wir nach jedem Crash neu starten, fahren wir irgendwann bis Mitternacht. Irgendwann muss Schluss sein, vor allem, wenn die Streckenposten mit Kohleflocken klitschnass sind und meine Augen brennen wie nach einem Wüstensturm.“

Trotzdem wollte er selbst weitermachen. „Ich bin Rennfahrer. Jeder Neustart war für mich eine neue Chance. Mein Gefühl wurde besser, mein Rhythmus schneller. Aber du spürst die Stimmung: Die Jungs gucken sich gegenseitig an, keiner weiß, ob der Nachbar noch lebt. So ein Start ist reine Psychologie – und die war nach dem zweiten Crash im Keller.“

Positives? geschwindigkeit, nichts sonst

Den Speed sieht er als einzigen Lichtblick. „Freitag war eine Katastrophe, Samstag lieferte ich mich Podestkämpfe. Auf einer Strecke, die der Ducati eigentlich nicht liegt, war ich vorne mit dabei. Das bedeutet, wir finden Lösungen für schlechte Tage – und die kommen garantiert wieder.“

Die nächste Runde dreht Martín bereits am Dienstag im Test von Barcelona. Neue Setup-Daten, neue Hoffnung. „Aber ehrlich: Ich würde sofort auf die Tests verzichten, wenn ich dafür wüsste, dass Álex heute Abend mit seinem Bruder Marc Pizza essen kann.“

Fazit: Ein Rennwochenende, das keiner Statistik die Show stiehlt. Die Punktausbeute: null. Die Bilanz: zwei verletzte Kollegen mit Glück geheilt, ein Fahrer mit gebrochener Brille und bebender Stimme – und die Gewissheit, dass MotoGP irgendwann die Menschlichkeit vor das Spektakel stellen muss. Für Jorge Martín war Montmeló ein Durchzug durch die Hölle. Er kam heil raus. Nächstes Mal kann die Rechnung anders aussehen.