Madrid entzaubert jarama: erstes formel-e-rennen auf der neuen strecke

Um 00:58 Uhr Ortszeit fiel die Startampel – und mit ihr fiel das Schweigeverbot. Die Formel E rollte erstmals über den Circuito de Madrid-Jarama, eine 3,8 Kilometer lange Achterbahn durch das Naturschutzgebiet, die die Teams während der Vorsaisontests noch für „harmlos“ hielten. Bis sie merkten, dass Reifenwärmer hier nichts nutzen: Der Asphalt kühlt zwischen den Kurven so schnell ab, dass die Reifen auf 42 Grad fallen – und Grip wird zur Münze der Königsdisziplin.

Warum jarama die elektroserie neu erfindet

Warum jarama die elektroserie neu erfindet

Die alte Formel-1-Piste von 1980 war ein Klassiker, aber ein verstaubter. Jetzt schnürt die E-Version eine Achterbahn durch Eichen und Steineichen, mit 26 Metern Höhenunterschied und einer Passage, die die Ingenieure nur als „Gravel-Sector“ im Datenbloc vermerken. Wer hier zu spät vom Gaspedal geht, landet nicht im Kies, sondern im Naturschutz – und das kostet mehr als nur einen Frontflügel. Die FIA schickt bereits Wildtierbeobachter auf die Strecke, weil zwischen Kurve 7 und 9 eine Population europäischer Wildkatzen lebt. Die Tiere sind nachtaktiv – genau wie die Rennen.

Die Streckenposten haben neue Handzeichen gelernt: zwei Finger bedeuten „Katze auf der Strecke“, drei Finger „Auerhahn“. Die Fahrer lachen, bis sie merken, dass ein Aufprall mit 200 km/h gegen 4,5 Kilogramm Federwild der Grundstein für eine sofortige Rennunterbrechung ist. Die Teams rechnen mit mindestens zwei Safety-Car-Phasen pro Rennen – ein Wert, der die Strategie komplett umwirft. Batterie sparen? Vergiss es. Wer in Madrid gewinnen will, muss volle Attack fahren und dabei jedes verfluchte Watt rekuperieren.

Die Fans stehen auf Tribünen, die aus recycelten Windkraftrotoren gebaut wurden. Die Stromversorgung kommt aus einem mobilen Solarpark, der drei Tage vor dem Rennen aufgebaut wird und danach nach Extremadura weiterzieht. Die Formel E nennt das „Event without footprint“, doch der CO₂-Rechner vergisst die Anreise der Teams: 34 Trucks, 18 Flugzeuge, ein Schiff mit Ersatzbatterien – alles zusammen 1.400 Tonnen CO₂. Die Organisation kauft Zertifikate, aber die Zahlen stehen im Kleingedruckten. Madrid bekommt sein Spektakel, die Umwelt die Rechnung.

Am Ende der Nacht setzt Jake Dennis die Bestzeit – 1:28,4 Minuten, acht Zehntel schneller als der Simulationswert von Porsche. Er lacht ins Mikrofon: „Die Strecke ist verrückt, die Katzen sind verrückter, aber das ist der wildeste Freitag meiner Karriere.“ Dann kommt die Durchsage: Nächstes Jahr kehrt die Formel E zurück – und die Wildkatzen bekommen eigene VIP-Passes. Madrid hat sich seine neue Rennstrecke erobert, und Jarama seinen alten Ruf zurück: Hier gewinnt, wer sich nicht nur gegen die Konkurrenz, sondern auch gegen die Natur durchsetzt.