Lothar matthäus wird 65: der ewige unruhestandler, der deutschland nicht loslässt

65 Jahre, 150 Länderspiele, ein WM-Pokal – und kein Tag Ruhe. Lothar Matthäus feiert am Freitag seinen 65. Geburtstag, doch während andere Rentner ihre Hobbys pflegen, sprintt der Rekordnationalspieler weiter durch Talkshows, Stadien und Streaming-Listen. Kein Bundesliga-Topspiel ohne ihn, kein EM-Kracher, bei dem sein Kommentar fehlt. Der Mann ist zur Institution mutiert – und manchmal zur Zerreißprobe.

Der erste tag nach dem karriereende kam nie

Matthäus beendete seine Laufbahn 2000 in Rotterdam, wo Deutschland gegen Portugal unterging. Für ihn war es das „Jubiläumsspiel, das ich am liebsten streichen würde“. Doch der Abgang war kein Schlussstrich, sondern ein Komma. Seitdem sitzt er auf dem Mikrofon – und dort klingt er, als wäre er nie woanders gewesen. TV-Sender buchen ihn wie eine Versicherung: Wenn Matthäus spricht, schalten die Leute nicht weg.

Die Zahlen sind schon längst keine Argumente mehr, sie sind Mythos. 25 WM-Einsätze, bis Lionel Messi ihn 2022 überholte. 75 Mal Kapitän – mehr war in Deutschland nie jemand. Doch die Statistik erzählt nur die Hälfte. Die andere liefert der Blick hinter die Kulisse: Wenn Kollegen nach Hause fahren, landet Matthäus im Flieger zum nächsten Event. Ein Manager, der ihn bucht, sagt: „Er schläft im Taxi und wacht beim Thema Abseits wieder auf.“

Der sprint, der italien eroberte – und die deutschen veränderte

Der sprint, der italien eroberte – und die deutschen veränderte

San Siro, 10. Juni 1990. 4:1 gegen Jugoslawien. Matthäus nimmt den Ball im Mittelkreis mit, zieht 60 Meter, lässt drei Gegner stehen und knallt ins Netz. Das Tor des Jahres, der Moment, an dem ein ganzes Land spürt: Dieser Mann spielt in einer anderen Liga. Was danach folgt, ist die deutsche Einheit in 90 Minuten – und der Pokal in Rom.

Doch der Held von damals ist auch der Streithammel von heute. Mit Uli Hoeneß lieferte er sich einen Rosenkrieg, der bis zum legendären Satz führte: „Der wird nicht mal Greenkeeper beim FC Bayern.“ 25 Jahre später sitzen sie beim gemeinsamen Geburtstagsessen in der Münchner Villa. Matthäus lacht über den Mäher, den er für ein Foto lenkte. Versöhnung als Medienmoment – das kann nur er.

Die trainer-karriere, die nie richtig startete

Die trainer-karriere, die nie richtig startete

Partizan Belgrad, die Nationalmannschaft Bulgariens, Rapid Wien – sieben Stops in sieben Ländern. Doch die Bundesliga blieb ihm verwehrt. „Man will bei mir immer nur das Schlechte sehen“, klagt er seit Jahren. Klubs zögern, weil seine Autorität als TV-Experk scheinbar größer ist als das, was er am Trainingsplatz vermitteln kann. Ein Klubboss sagt anonym: „Er ist zu laut für die Kabine und zu laut für die Geschäftsstelle.“

Stattdessen wird er zum Chronisten seiner selbst. Im Kino-Dokument „Ein Sommer in Italien“ weint er bei Erinnerungen an Andy Brehme und Franz Beckenbauer. Die Tränen sind echt, die Inszenierung auch. Matthäus versteht das Geschäft mit der Nostalgie – und verkauft sie mit 65 noch einmal neu.

Warum er heute wichtiger ist als je zuvor

Der deutsche Fußball sucht Identität, die Nationalmannschaft nach Führung. Matthäus liefert beides – wenn auch nur als Stimme. Seine Kolumnen klingen wie Lehrstunden, seine TV-Analysen wie Ermahnungen. Junge Spieler zitieren ihn auf Instagram, alte Fans hören ihm zu, weil er das letzte lebende Band zur WM von 1990 ist. Er ist geworden, was er nie als Trainer wurde: der Nationalelf-Pate im Exil.

Die Rente? Ein Fremdwort. Matthäus fliegt nächste Woche nach Madrid, um das Champions-League-Viertelfinale zu kommentieren. Dann zurück nach München, Schlaf im Flugzeug, Kaffee to go, Mikro an. Irgendwann wird er aufhören – sagt er seit 24 Jahren. Bis dahin bleibt nur eine Gewissheit: Wenn der Ball rollt, rollt auch Lothar. Und Deutschland schaltet ein, weil es sich noch immer fragt: Was macht eigentlich …? Die Antwort lautet: Er macht weiter.