Lorenzo reisst sich die seele aus dem leib – kolumbiens wm-kader wird zur zerreißprobe

Elf Minuten Verspätung genügten, um Bogotá in Aufruhr zu versetzen. Als Néstor Lorenzo am Montag die Tür zum Pressesaal der FCF stürmte, lag keine Routine-Medienrunde vor, sondern ein Pulverfass. Drei Fragen, keine Handynummern, keine Einladung zum Smalltalk. Die Liste mit 26 Namen flatterte durch die Reihen wie ein Brandbrief. Ein Tag später brach der Trainer das Schweigen – und enthüllte, dass hinter dem Theater kein Machtspiel, sondern seine eigenen Tränen steckten.

Die 55er-liste und das gespenst villa

Es begann harmlos. Eine interne Shortlist mit 55 Kandidaten sickerte durch. Darunter Sebastián Villa, der Flügelstürmer mit Vorstrafen wegen häuslicher Gewalt. Die sozialen Netzwerke kochten, Sponsoren zogen sich zurück, und Ramón Jesurún, Präsident der FCF, schaltete sich ein.er Lorenzo musste sich entscheiden: Sportlicher Reiz gegen Reputation. Die Antwort kam knallhart – Villa flog raus.

Doch das war nur die halbe Wahrheit. Lorenzo, sonst ein Meister der Contenance, gestand, dass ihm die persönlichen Absagen schwerer fielen als jede Taktik-Debatte. „Ich habe jedem Einzelnen selbst angerufen. Jeder kennt die Szene, und niemand möchte sie erleben“, sagte er mit zitternder Stimme. Die Bilder seiner eigenen Karriere – einst als Spieler sitzend, heute als Coach aussortierend – schienen in ihm hochzukommen.

Neulinge, notrufe und die ronaldo-falle

Neulinge, notrufe und die ronaldo-falle

Der endgültige Kader verliert sich nicht in Skandalen, sondern in Überraschungen. Willer Ditta, Verteidiger aus Cruz Azul ohne WM-Luft schnuppern zu haben, schlägt plötzlich wie eine Bombe ein. Dazu Juan Camilo „Cucho“ Hernández, Stürmer bei Real Betis, der seine Torgefahr in La Liga unter Beweis stellte. Die Leitplanken bleiben dieselben wie bei der Copa América 2024 – ein bisschen Renovierung, viel Bewährtes.

Am 17. Juni wartet in Mexiko-Stadt Uzbekistan, sechs Tage später folgt die DR Kongo in Guadalajara. Krönender Abschluss: Portugal und Cristiano Ronaldo in Miami. Wer da noch über Logistik-Fehler diskutiert, verpasst das Spiel. Lorenzo weiß das. „Wir werden wieder da sein, und zwar mit Herzblut“, sagte er. Die Tränen sind getrocknet, der Fokus liegt auf dem Rasen.

Die nächste Runde findet am 17. Juni statt – nicht im Pressesaal, sondern auf dem Platz.