Lipowitz und evenepoel tanzen auf vingegaards grab vor der tour
Barcelona – Wer dachte, Red Bull hätte mit Florian Lipowitz und Remco Evenepoel nur zwei Karten für denselben Jackpot, sah beim Volta Ciclista a Catalunya die Zukunft des Radsports: ein deutsches Talent, das trotz Bronchitis aufs Podium springt, und ein Weltmeister, der nach einem Sturz zum Schrittmacher wird. Dahinter lauert Jonas Vingegaard, kalt wie ein Fjord und so weit weg, dass selbst ein Doppelschlag nicht reicht.
Ein schwabe erfindet sich neu
Florian Lipowitz stand vor sechs Wochen noch mit Inhalator am Straßenrand. Am Sonntag grüßte er als erster Deutscher überhaupt vom Streifpodest der 105. Katalonien-Rundfahrt. 1057 Kilometer, 21 Höhenmeter pro Durchschnittsstunde, und am Ende fehlten 37 Sekunden auf Vingegaard – das klingt nach viel, ist aber ein Mikrokosmos, wenn man bedenkt, dass der 25-Jährige vor einem Jahr noch Zeitfahr-Daten sammelte, statt Gänge zu würfeln.
Die Zahl, die ihm bleibt: drei. Dritter Gesamtrang, dritte World-Tour-Podium innerhalb von zwölf Monaten. Paris–Nizza, Romandie, Dauphiné – jetzt Catalunya. Kein deutscher Fahrer hatte so viele Top-3-Platzierungen in Folge hingelegt, seit die UCI das World-Tour-System einführte. Das ist kein Häufchen Glück, das ist ein Lehrplan.

Evenepoels selbstaufgabe mit folgen
Remco Evenepoels Sturz auf Etappe drei war ein Scherbenhaufen aus Haut, Carbon und Siegchancen. Statt zu jammern, schaltete er auf Durchzug. Auf der letzten Bergetappe fuhr der Belgier 4,2 Watt pro Kilo über 32 Minuten – nicht für sich, sondern für Lipowitz. „Er hat mich zwölf Mal angeguckt, ob das Tempo passt“, sagt Lipowitz. „So etwas macht sonst nur der Chauffeur vom Bundestrainer.“
Red-Bull-Sportdirektor Klaas Lodewyck rechnet vor: „Ohne Crash wäre Remco hier um 20 Sekunden vor Jonas gewesen.“ Rechnen hilft nichts, schmecken tut es trotzdem. Denn was in Katalonien funktioniert, darf im Juli auf französischem Asphalt keine Utopie bleiben.

Vingegaard bleibt der maßstab
Jonas Vingegaard hat inzwischen fünf von sieben möglichen World-Tour-Etappenrennen gewonnen, seit er im letzten Herbst wieder aufs Rad stieg. Die Königsetappe nach Vallter 2000 abzusagen, war ein Geschenk an die Konkurrenz – und trotzdem wurde der Däne nicht einmal angezählt. 43 Sekunden Vorsprung nach sieben Tagen, bei Wind, Regen und 31 Grad am Strand von Salou. Wer so fährt, braucht keine Showeinlage, sondern nur einen Startplatz.
Die Frage bleibt: Was passiert, wenn Red Bull zwei Kapitäne ins selbe Zeitfahren schickt? Die Antwort lieferte Katalonien: Evenepoel zündet die erste Rakete, Lipowitz schließt die Lücke. Dazwischen steht Vingegaard und lacht. Aber Lachen kann man in der Provence schnell verlernen.
Die Tour beginnt am 4. Juli mit einem 13-km-Zeitfahren in Barcelona. Lipowitz kennt die Kurven, Evenepoel die Uhr. Vingegaard kennt beide. Drei Monate, dann entscheidet sich, ob Doppelspitze Taktik bleibt oder nur ein nettes Wort für Zwei-gegen-einen-Versuch.
