Lamaro tritt aufs gas: italiens rugby-kapitän radelt sich nach bestzeit frei
Michele Lamaro hat England nicht nur weggeschubst, er hat es weggeradelt. 23:18 im Sei Nazioni – und am Tag danach 20 Kilometer durch die Venetische Ebene, um den Muskelkater zu verscheuchen. Kein Iron-Man-Programm, nur ein Mann auf dem Weg zur nächsten Runde.
Vom olimpico zur restera: warum der sieg gegen england nur der anfang ist
Die Zahl 23:18 steht seit Samstagabend in den WhatsApp-Chats von Padua bis Palermo. Doch wer Lamaro kennt, weiß: Zahlen sind ihm peinlich. Lieber redet er über „Druck wegradeln“, über „Kopf frei machen“ und über die Canyon Gravel, die er sich geleistet hat – mit Motorunterstützung. „Ich gebe es offen zu, sonst schlafe ich schlecht“, sagt er und klingt dabei wie jemand, der auch ohne Boost an der Sideline überlebt.
Sein Vater Gianluca fuhr zwei Olympia-Regatten, 1984 in Los Angeles, 1988 in Seoul. Segeln liegt in der DNA. Doch Michele entschied sich für Schlamm statt Salzwasser. „Ich wollte kein zweiter Gianluca werden, sondern der erste Michele“, sagt er und meint damit nicht nur den Namen auf dem Trikot, sondern die Art von Anführer, die sich nach 80 Minuten England-Geballer noch aufrafft, um die letzte Gelbe zu erzwingen.
Die Bilder vom Spiel sind noch warm, da redet er schon über Mathieu van der Poel. „Er ist unser Typ: explosion, Power, kein Bergziege, eher ein Bullengebirge.“ Pogacar? „Wahnsinn, aber zu glatt.“ Für Lamaro zählt Grintoso, das italienische Wort für „beißt sich fest“. So wie er sich in den Rucks festbeißt, so verfolgt er Van der Poels Attacke bei der Tour, als der Niederländer 200 Kilometer vor dem Ziel startet und 199,9 später verschluckt wird. „Da kenne ich mich aus“, lacht er, „manchmal muss man einfach los, egal wie weit das Ziel ist.“

630 Kilometer, drei tage, ein bruder in zürich
Letzten Sommer schraubt er die Batterie aus dem Rahmen, packt zwei Schwestern und eine Karte Europa ein. Triest–Ljubljana–Salzburg–Zürich. Keine Rekordjagd, aber 210 am Tag. „Mein Bruder fragte: Kommst du? Ich sagte: Mit dem Rad natürlich.“ Die Alpen werden zur Nebensache, das Grinsen bleibt. „Am Gotthard habe ich gedacht: Das ist wie ein Turnier, nur länger und mit mehr Gegenwind.“
Die Strecke entlang des Sile nennt er „Kopfkino“: Fluss, Eisvögel, keine Pfiffe, keine Schreie. Das ist kein Training, das ist Therapie. „Wenn ich 25 Kilometer fahre, bin ich kaputt. Bei 19 kommt der Reset.“ Die Uhr bleibt zu Hause, Strava auch. „Sonst fängt wieder jemand an, mich mit Pogacar zu vergleichen.“
Alberto Curtolo wartet schon. Der Ex-Liquigas-Profi wohnt in Treviso, zwei Straßen vom Stadio. „Er hat gesagt: Komm, wir gucken Liège–Bastogne–Liège an einer Stelle, wo die Jungs viermal vorbeischießen.“ Lamaro nickt, als hätte er den Vertrag schon unterschrieben. „Vielleicht bringe ich die Mannschaft mit. Dann können wir sehen, wie lange Van der Poel diesmal durchhält.“
Am Horizont liegt Schottland. Die nächste Schlacht, der nächste Sonntag, die nächste Runde. Lamaro schaltet runter – und tritt in die Pedale. Die Zahlen ändern sich, der Rhythmus bleibt. 23:18 war gestern. Der Countdown für Edinburgh läuft, und irgendwo zwischen Sile und Stigliano beginnt schon wieder die Vorbereitung. Wo? Auf dem Rad natürlich.
