Kreuzbandriss, tränen, comeback: neziris albtraum in 93. minute
Die Uhr zeigte 92:37, als Behar Neziri im Seitfallziehen das Bein einzog und das Stadion verstummte. Kein Schmerzensschrei, nur ein dumpfes Knacken – das Geräusch, das Karrieren zerreißt. Drei Sekunden später lag der 20-Jährige auf dem Rasen, die Hand wie festgenagelt am linken Knie, und wusste: „Es ist vorbei.“
„Hey, seid leise – mein knie ist kaputt“
Die Szene im Heimspiel gegen Sion wirkt auf Video harmlos. Kein Gegner räumt ihn um, kein Sprint endet in einem Hackenschuss. Ein einfanger Zweikampf, ein unglückisches Abdrücken – und dann dieses Bild: Neziri krallt sich ins Gras, schließt die Augen und flüstert den Satz, der viral geht. Teamkollege Vogt packt ihn unter den Armen, die Physios eilen herbei, doch der Youngster hat schon die Diagnose selbst gestellt. In der Kabine quittiert der Arzt mit einem knappen „Ja“, was Neziri längst ahnte: vorderes Kreuzband, komplett.
Die Ironie: Noch auf dem Gang probiert er zu laufen – „kein Schmerz, alles stabil“ – und erwischt sich bei der Hoffnung, er habe sich geirrt. Am nächsten Morgen schlägt das MRT zurück. Saisonende. Sechst Monate Minimum. Vielleicht zwölf.

St. gallen verliert seinen turbo – und gewinnt eine figur
Für den FC St. Gallen ist Neziri kein beliebiger Eigengewächs. Sein Tempo-Dribbling entlang der Außenlinie war die Konstante in einer bislang holprigen Meisterrunde. Ohne ihn fehlt die direkte Vertikale, die Statistik spricht eine klare Sprache: mit Neziri 2,3 Tore pro Spiel, ohne ihn 1,1. Trainer Breitenreiter muss neu puzzeln, Sportchef Stahl muss auf dem Transfermarkt zuschlagen. Die sportliche Planung gerät ins Wanken – und das mitten im Kampf um die Europa-League-Ränge.
Doch das, was der Klub verliert, gewinnt die Liga an Geschichte. Denn Neziri nimmt die Kamera der neuen Doku-Serie „Unbreakable“ mit in Reha, lässt die Follower Teil sein von jedem Bizeps-Curl, jedem Laufband-Check, jedem kleinen Sieg gegen die Schwerkraft. „Ich werde nicht nur zurückkommen – ich werde schneller, wacher, besser“, sagt er zwischen zwei Gewichtsscheiben. Kein Pathos, nur Programm.

Das comeback beginnt im kopf – und im keller
Wer denkt, Kreuzband-Reha beginne im Leistungszentrum, irrt. Sie beginnt um 6:15 Uhr im Homegym, wenn Neziri vor dem Spiegel Kniebeugen ohne Gewicht macht und dabei „Eye of the Tiger“ auf Repeat hört. Sie beginnt damit, dass er sich die YouTube-Fails anderer ACL-Patienten ansieht und schwört: „So nicht.“ Sie beginnt damit, dass er sich selbst ein Tattoo sticht: ein gebrochener Pfeil, der wieder zusammenwächst – Stichdatum 16.12.2025.
Die medizinische Prognose bleibt vorsichtig: Februar 2026, vielleicht später. Aber die Liga hat gelernt, Neziris Zeitleisten zu ignorieren. Als U17-Spieler hatte man ihm einen Meniskusschaden für vier Monate ausgerechnet – er war nach neun Wochen zurück. „Mein Körper schuldet mir was“, lacht er, während er auf dem Anti-Gravity-Läufer 70 % seines Körpergewichts abnimmt und trotzdem 18 km/h auf dem Display blinken lässt.
Die Wahrheit ist: St. Gallen wird ihn brauchen, wenn die Tage wieder länger werden. Die Wahrheit ist auch: Die Meisterrunde verläuft ohne ihn holpriger, aber sie verläuft. Und die größte Wahrheit: Wenn Neziri im Frühjahr 2026 wieder aufläuft, wird das Espenmoos nicht nur einen Spieler zurückbekommen – es wird eine ganze Region aufstehen. Dann wird das Knacken vom 16. Dezember nur noch ein Soundcheck für seinen neuen Auftritt sein.
