Kreuzbanddrama im frauenfußball: warum union-janež zwölf monate pausiert
Ein Knall, ein Schrei, Saison vorbei. Korina Janež vom 1. FC Union Berlin wird am 2. November 2025 im Training umgerannt, fällt mit aufgeschlitztem Gesicht auf den Rasen. Diagnose: vorderer Kreuzbandriss – zwölf Monate außer Gefecht. Die 25-Jährige ist keine Ausnahme, sie ist die 17. Bundesliga-Spielerin in dieser Saison, die genau diese Verletzung erleidet. Bei den Männern waren es sieben. Die Quote ist 4,3-mal höher – und niemand weiß so recht, warum.
Die wissenschaft kommt zu spät
Leonard Achenbach, medizinischer Koordinator des DFB, spricht es offen aus: „Wir rennen den Fakten hinterher.“ Gemeint ist die Gender Data Gap, eine Leerstelle in Studien, die sich aus Jahrzehnten männlich dominierten Datenmaterials speist. Knie wird gebaut wie bei Männern, Trainingspläne kopiert, Hormone ignoriert. Ergebnis: weiche Bänder in der zweiten Zyklushälfte, engerer Bandraum, breiteres Becken – alles Faktoren, die Frauen häufiger ins Kreuzbandbett bringen, aber kaum einer kennt die Details. Die Folge: Präventionspläne basieren auf Körpern, die anders ticken.
Union Berlin reagiert. Seit 2023 hat Jennifer Zietz die sportliche Leitung der Frauen übernommen, neue Analysten, Physios und eine Belastungs-App sind an Bord. „Wir tracken Menstruationsphasen, Schlaf, Kraftwerte“, sagt Zietz. Doch selbst das reicht nicht, wenn die Gegnerin heißt: Pubertät plus Leistungsdruck. Denn ab 14 steigt die Belastung exponentiell, die Knie aber sind noch kindlich. Ergebnis: Bandrisse häufen sich gerade dann, wenn Karrieren Fahrt aufnehmen.

Die lösung liegt nicht im gym
Stärkere Oberschenkelmuskulatur? Teil der Antwort, aber keine Zauberformel. Denn das Problem sitzt tiefer: in Spielplänen, die Frauen wie Männer behandeln, in Schuhen, die auf männlichen Fußabdruck konstruiert sind, in Reha-Apparaten, die mit Männerdaten kalibriert sind. Lena Oberdorf musste es zweimal lernen: zwei Kreuzbandrisse in 15 Monaten, trotz Top-Medizin beim FC Bayern. „Ich habe meinen Körper neu kennengelernt“, sagt sie. Code für: Die Wissenschaft liefert noch keine Anleitung.
Die Zahlen sind brandaktuell: 17 Kreuzbänderrisse in 22 Spieltagen, Tendenz steigend. Die DFB-Statistik zeigt, dass sich fast 60 Prozent dieser Verletzungen ohne Gegnerkontakt ereignen – ein Indiz für strukturelle Überlastung. Union investiert deshalb jetzt schon in Nachwuchs-Coachings, in denen Mädchen lernen, wie sie landen, wie sie sich umdrehen, wie sie atmen, wenn der Zyklus die Bänder weich macht. „Wir bauen keine Muskeln, wir bauen Bewusstsein“, sagt Zietz. Und das ist neu im deutschen Frauenfußball.
Am 3. März 2026 zeigt der rbb die Dokumentation „Wie die Forschung dem Boom im Frauenfußball hinterherläuft“. Darin spricht auch Nationalspielerin Klara Bühl Klartext: „Wenn wir zehn Spiele in den Kalender nageln, ohne Adaptionszeit, verheizen wir uns selbst.“ Ihr Appell: individuelle Trainingssteuerung, Menstruations-tracking, mehr Ruhephasen. Union hat reagiert, Bayern, Wolfsburg und Dortmund ziehen nach. Doch die Zeit arbeitet gegen sie – Janež‘ Reha dauert noch sechs Monate, die nächste Bundesliga-Saison beginnt im August.
Fazit: Der Frauenfußball wächst schneller als seine Medizin. Solange Studien zu 80 Prozent auf Männern basieren, bleibt jedes Kreuzband ein Würfelspiel. Die Kosten tragen die Spielerinnen – und die Vereine, die jetzt schon für jene Wissenschaft zahlen, die ihnen morgen die Knie rettet. Janes wird zurückkommen. Ob ihre Teamkolleginnen ihr folgen, hängt davon ab, wie schnell Datenlücken zu Handlungsanweisungen werden. Die Uhr tickt. Die Bänder auch.
