Köln zieht die notbremse: kwasniok raus, abstiegsangst rein

Kurz nach dem Schlusspfiff des 3:3 im Derby schritt Thomas Kessler schon wie ein Mann, der weiß, dass er morgen eine Explosion entschärfen muss. Am Sonntag folgte die Detonation: Lukas Kwasniok ist weg – nach nur neun Monaten und zwei Siegen aus den letzten 17 Spielen.

Die chronik eines erwarteten aus

Die Zahlen sind gnadenlos: Seit November nur zwei Erfolge, zuletzt sechs sieglose Partien in Serie, 13 Punkte aus 15 Rückrunden-Spielen. Die Fans hatten Anfang Januar beim 0:2 gegen Mainz erstmals „Kwasniok raus“-Rufe angestimmt. Der Coach antwortete mit taktischen Umstellungen, mit 3-5-2, mit 4-2-3-1, mit allem außer Toren. Die Mannschaft schaute mit leeren Augen, das RheinEnergieStadon verlor seine Stimme.

Der Knackpunkt war nicht einmal das frühe 0:1 am Freitag gegen Gladbach – es war die Art, wie Köln die Führung nach einer Viertelstunde wieder verschenkte. Drei Gegentore aus drei Standardchancen, das ist in der Bundesliga ein Selbstbedienungsladen. Kwasniok stand an der Seitenlinie, kaute seine Kaugummi-Kugel und wirkte wie ein Statist, der seinen eigenen Untergang studiert.

Der april wird zum monat der wahrheit

Der april wird zum monat der wahrheit

Die Job-Karussell-Logik ist gnadenlos: Ein neuer Trainer soll einen „Impuls“ setzen, aber die Termine warten nicht. Frankfurt (Auswärts), Bremen (Heim), St. Pauli (Auswärts) – das sind keine Gegner, das sind Endspiele im Kalender. Wer dort nicht mindestens sieben Punkte sammelt, rutscht in die Relegations-Zone und findet sich im Mai im Fernsehgarten wieder statt im Trainingslager.

Die Kandidatenliste kursiert schon: Gerhard Struber gilt als Favorit, weil er in Salzburg und New York bewies, dass er binnen Wochen eine Pressing-Maschine bauen kann. Dirk Schuster war 2016 mit Darmstadt fast die Sensation geglückt, kennt die 2. Liga wie seine Westentasche. Und dann ist da noch die verrückte Idee mit Milosz Kwasniok, dem Sohn des Ex-Trainers, der in der U19 bereits als taktisches Genie gefeiert wird – ein PR-Coup, der die Fan-Kurve spalten würde wie ein rotes Trikot im Müngersdorfer Block.

Doch egal, wer kommt: Er tritt nicht in ein Fußball-Team ein, sondern in eine Psychiatrie auf Rasen. Die Spieler trauen sich keen Risiko mehr, jeder Rückpass wird zum Seufzer, jeder Ballverlust zum Beweis für angebliche mentalische Schwäche. Die Kölner Seele ist seit dem Pokal-Aus in Bielefeld letztes Jahr angeknackst – und niemand scheint zu wissen, wo der Klebstoff steht.

Die Tabelle lügt nicht: Platz 15, nur zwei Punkte Vorsprung auf Stuttgart, drei auf Bochum. Die Tordifferenz ist mit minus 18 die zweitschlechteste der Liga. Die Statistik, die am meisten wehtut, steht aber in der Gehaltsliste: Mit 62 Millionen Euro Löhnen liegt Köln im oberen Drittel – und trotzdem spielt das Team wie ein Aufsteiger ohne Namensschild.

Kwasniok hat das Büro geräumt, seine Bücher über Spielanalyse, seine Kaffeemaschine, das Bild mit dem Pokalsieg in Paderborn. Hinterlässt hat er ein Puzzle mit 1000 Teilen, von denen 300 unter dem Sofa fehlen. Der neue Coach muss nicht nur eine Taktik finden – er muss eine Stadt wieder dazu bringen, daran zu glauben, dass Fußball mehr ist als nur ein Spiel mit Ball und 22 Gestalten.

Am 30. Mai steht das letzte Spiel in Hoffenheim an. Bis dahin sind es noch zwölf Finalspiele. Die Uhr tickt, der Abstieg droht, und die RheinEnergieArena wartet auf einen Helden, der den Kölner Karneval im Mai nicht zur Trauerfeier werden lässt.