Kohler zerlegt schlotterbeck: der fehler, der den bvb kostete

Ein einziges Mal zögert Nico Schlotterbeck. Ein einziges Mal stellt er das Standbein falsch. Josip Stanisic rutscht durch, der Ball landet beim Elfmeterpunkt, Harry Kane schiebt ein – und Jürgen Kohler platzt der Kragen.

„Das darf einem nationalspieler nicht passieren“

Der 1990er-Weltmeister sitzt im Sport1-Studio, und man spürt, wie sehr ihn das Seitfallziehen des jungen Innenverteidigers schmerzt. „Nico hat die bessere Position, er ist zuerst am Ball, dann dreht er sich weg vom Geschehen. Stanisic spürt das, zieht innen vorbei – und plötzlich ist Schlotterbeck nur noch Bein.“ Die Körpersprache verrate alles, sagt Kohler: „Das ist kein Zufall, das ist ein Muster.“

Die Szene in der 71. Minute wird zur Zielscheibe. Schiedsrichter Sven Jablonski steht fünf Meter weg, sieht das Trikot am Knie zappeln, pfeift sofort. Für Kohler keine Debatte: „Wenn du dich innen verkeilst, bleibt dir die Außenschulter frei. Stanisic kann dann nur noch in den Rücken laufen. So aber bietest du ihm die Innenbahn an – wie ein Weihnachtsgeschenk.“

Zahlen untermauern die Kritik. Laufleistung und Zweikampfquote mögen stimmen, doch seit der Saison 2022/23 führt kein Bundesliga-Innenverteidiger häufiger zu einem Foulelfmeter als Schlotterbeck: vier Mal. Ein Wert, den sonst nur Stürmer kollektiv erreichen.

Der zweite akt: glück und kopfball

Der zweite akt: glück und kopfball

18 Minuten vor dem Elfmeter-Drama hatte Schlotterbeck bereits Glück im Übermaß. Stanisic grätscht mit offener Sohle, trifft Schlotterbecks Oberschenkel, die Dortmunder Bank fordert Rot – Gelb. „Da war ich schneller am Ball“, sagt der Betroffene selbst, doch die TV-Bilder zeigen: Er rutscht ebenfalls hoch, das Bein ist gestreckt. Eine klare 50/50-Situation, urteilt Kohler, „aber mit VAR wäre Gelb auch Gelb geblieben“.

Kurz darauf schlägt Schlotterbeck zurück. Kopfball nach Ecke, 1,87 Meter Absprung, 1:0. Er fliegt über die Werbebande, rast in den Block, kassiert die zweite Gelbe – und jubelt sich die Lunge aus dem Leib. „Er lebt von Emotionen, das ist sein Antrieb“, sagt Kohler, „aber Emotionen müssen mit Köln gedrosselt werden.“

Am Ende zählt nur das Ergebnis: 2:3. Die Bayern feiern, der BVB kassiert den dritten Gegentor in Folge gegen den Rekordmeister. Schlotterbeck steht mit hängenden Schultern da, die Schiri-Pfeife verstummt, die Analyse beginnt.

Das muster, das ihn einholt

Kohler spricht es aus, was viele Scout-Listen längst vermerken: „Er hat Phasen, in denen er überspielt, statt zu klären. Er will den eleganten Pass statt die harte Grätsche.“ Dayot Upamecano bei Bayern, Jonathan Tah bei Leverkusen – alle drei vereint dieselbe Schwäche: zu viel Ball, zu wenig Raum. „Um Weltklasse zu werden, muss er lernen, wann er nur noch wegschlagen muss“, so Kohler.

Trainer Nuri Şahin springt seinem Spieler nach dem Abpfiff bei. „Nico ist 24, er lernt daraus.“ Doch die Uhr tickt. Mats Hummels ist weg, der neue Boss muss her. Und Bundesliga-Angreifer schauen sich die Videos an. Am 12. April kommt Bayer Leverkusen, mit Florian Wirtz und Victor Boniface – zwei Spieler, die genau diese Räume suchen.

Schlotterbeck selbst will die Kritik nicht als Attacke verstehen. „Ich nehme mir das zu Herzen“, sagt er, „aber ich werde nicht anders spielen.“ Genau das fürchtet Kohler. „Er muss anders spielen, sonst wird er nie die Klasse von Hummels oder Boateng erreichen.“

Der BVB steht vor der Qual der Wahl: Verlängern und weiter Schultern, oder verkaufen, solange der Markt zahlt. Der nächste Fehler könnte teurer werden als ein verlorenes Topspiel. Denn Elfmeter kosten Punkte, Punkte kosten Titel – und Titel kosten am Ende Karrieren.