Kobel bricht nach 3:2 gegen deutschland den frust heraus: „weltklasse, aber wir standen falsch“
St. Jakob-Park, 22.34 Uhr – Gregor Kobel stemmt die Hände in die Hüften, die Trikotkrause klebt verschwitzt am Hals. Drei Gegentore gegen den alten Rivalen, und das Keeper-Gehirn arbeitet noch im Sekundentakt. „Wir haben Phasen, da verlieren wir den Zugriff komplett“, sagt er und klingt wie ein Boxer, der gerade selbst mitbekommen hat, dass sein Kinn doch nicht aus Stahl ist.
Die szene, die kobel nachträumt
78. Minute, Aufschlag links bei Joshua Kimmich, Ball rüber zu Jamal Musiala, flache Hereingabe – eigentlich. Stattdessen legt Florian Wirtz mit dem ersten Kontakt quer, Kobel geht mit dem Blick zur Fünfermitte, doch die Kugel schlenzt im Bogen ans lange Eck. „Ich habe auf Flanke spekuliert“, gibt er offen zu. „So wie er ihn trifft, ist es halt Weltklasse.“ Der Satz klingt wie ein Respeitskniefall, aber auch wie eine Selbstanklage: Wer so spät noch die Linie verlässt, wird bestraft. Die xG-Kurve zeigt 2,4 für Deutschland, die Schweiz kommt auf 1,1 – Zahlen, die Kobels Frust untermauern.
Die Nati hatte im Herbst noch das Gefühl, jeden Ball zweimal klären zu können. Jetzt rutschten Innenverteidiger weg, die Sechser rückten zu spät nach, und Kobel musste siebenmal eingreifen, ehe der Schiri auf Elfmetersturm pfeift. „Wir haben Standardsituationen verpennt, sind nicht eng genug rübergerutscht“, sagt er. Die Worte sind keine Ausrede, sondern ein Arbeitsauftrag fürs Trainingslager in Marbella.

Nächste schraube: norwegen
Am Samstag kommt Haaland & Co., und Kobel schaltet schon wieder in Kommandotonfall. „Wir haben alle 23 im Kader, jetzt zählt Reaktion.“ Bundestrainer Yakin will die Dreierkette verschieben, Zakaria soll als falscher Sechser die Räume vor dem Strafraum verstopfen. Kobel selbst wird wohl wieder zwischen die Pfosten rotieren – Sommer sitzt diesmal draußen. „Wir wissen, dass wir eine Gangart höher schalten müssen, sonst wird es ein langer Sommer.“
0 Siege im ersten WM-Jahr, das kam seit 2006 nicht mehr vor. Der Keeper wischt sich mit dem Handrücken über die Stirn, ein letztes Mal. „Wir haben 90 Minuten gesehen, was funktioniert – und was nicht. Jetzt wird geliefert.“ Dann verschwindet er im Katakombenlicht, schon wieder bereit, das nächste Schussgeschoss zu schlucken oder zu verspeisen. Die WM in Australien rückt näher, und Kobels Zeit läuft – Tick, Tack.
