Ivica osim: der jahrhunderttrainer kehrt nach hause zurück
Ein Leben zwischen Krieg, Fußballgenie und Österreich-Liebe: Ivica Osim, der legendäre Spielmacher und Trainer, ist tot. Mit seinem Ableben am 1. Mai 2022, genau am Jahrestag der Gründung von Sturm Graz, verliert die Welt eine beeindruckende Persönlichkeit, deren Menschlichkeit auch Jahrzehnte später nachwirkt.
Die frühen jahre: ein tänzer mit dem ball
Osims Karriere begann auf dem Feld, wo er als Spielmacher des FK Zeljeznicar Sarajevo, liebevoll „Strauß von Zeljo“ genannt, für Furore sorgte. Seine Virtuosität mit dem Ball war beeindruckend, eine Art tänzerische Eleganz, die ihn zu einem Genussspieler machte. 1968 durfte er sogar die jugoslawische Nationalmannschaft repräsentieren und brillierte bei der Europameisterschaft, als sein Team sensationell England mit Stars wie Bobby Moore und Geoff Hurst ausschaltete. Eine Verletzung zwang ihn jedoch, vom Seitenlinie zuzusehen, wie die historische Chance auf den Titel vergeben wurde.

Krieg und rücktritt: ein statement der menschlichkeit
Der Krieg in seiner Heimat Bosnien sollte Osims Leben und Karriere nachhaltig prägen. Als Nationaltrainer Jugoslawiens führte er 1986 ein hochkarätiges Ensemble zur WM 1990 in Italien. Doch kurz vor der EM 1992 zerbrach sein Land an den ethnischen Konflikten. Schockiert und erschüttert verkündete Osim unter Tränen seinen Rücktritt – eine Geste, die weit über den Sport hinausging und als eindrucksvolles Statement der Menschlichkeit in Erinnerung blieb. „Mein Rücktritt ist das Einzige, was ich für meine Stadt tun kann“, erklärte er.

Die steirische legende: graz wurde zur heimat
Nach den turbulenten Jahren in Jugoslawien fand Osim in Graz, Österreich, ein neues Zuhause. Heinz Schilcher, ein ehemaliger Teamkollege, engagierte ihn als Trainer von Sturm Graz. Dort begann eine goldene Ära, die Osim zu einer Legende machte. Mit Spielern wie Ivo Vastic und Franco Foda gewann Graz 1998 den Meistertitel und qualifizierte sich mehrfach für die Champions League. Die Pressekonferenzen Osims wurden zu einem Phänomen, vergleichbar mit den legendären Auftritten Christian Streichs in Freiburg. Seine Fußballphilosophie, vermischt mit tiefgründigen Betrachtungen über gesellschaftliche Fragen – „Geld ist Glück und Unglück. Zu viel ist gefährlich, für zu wenig will keiner arbeiten“ – fand großen Anklang.

Ein vermächtnis, das weiterlebt
Auch nach seinem Abschied von der Trainerbank blieb Osim eine prägende Figur in Graz. Die Stadt ehrte ihn mit dem Titel „Jahrhunderttrainer“ und wird ihm ein Denkmal in der Arena widmen. Der Vorplatz des Stadions trägt bereits seinen Namen. Ivica Osims Vermächtnis ist mehr als nur eine Sammlung von Titeln und Erfolgen. Es ist die Geschichte eines Mannes, der trotz persönlicher Tragödien und politischer Umwälzungen stets seine Menschlichkeit bewahrte und die Welt des Fußballs nachhaltig bereicherte. Sein Tod hinterlässt eine Lücke, die so schnell nicht gefüllt werden kann – aber seine Erinnerung wird weiterleben, ein leuchtendes Beispiel für Leidenschaft, Integrität und die verbindende Kraft des Sports.
