Italiens trainer-export: die besten verlassen das land

Roberto De Zerbi sitzt in London, peppt Tottenham auf und kassiert zwölf Millionen Euro pro Saison – mit Ausstiegsklausel, falls ihm die Luft zu dünn wird. Ein paar Stunden südlicher stapelt Paulo Fonseca in Porto seine Ideen für die Champions League. Beide sind Italiener. Beide galten bei uns als „zu kompliziert“. Das sagt mehr über den italienischen Fußball als über die Trainer.

Die paradoxie: gejagte außenseiter

Seit Jahren wiederholt sich dasselbe Ritual. Ein Coach dominiert mit Flügelsturm und Positionswechsel die europäische Statistik, landet in Mailand oder Rom – und wird nach zwölf Spieltagen zum „Projekt“ erklärt, das man „neu ausrichten“ muss. Dann flattert das Angebot aus England oder Portugal, plötzlich ist der „zu komplizierte“ Taktikfuchs der Hoffnungsträger. Die Summen steigen, die Verträge werden länger, die Klauseln verrückter.

Die Zahl ist ein Schlag ins Gesicht: 16 von 20 aktiven Serie-A-Profis würden sofort wieder De Zerbi einstellen, wie eine interne Umfrage der Spielergewerkschaft zeigt. Die Klubbosse halten sich bedeckt. „Zu viel Freiheit“, lautet das Standardargument. Freiheit für wen? Für die 23 Kicker, die lieber Laufwege studieren als Kreuze in den Strafraum schlagen?

Maurizio Sarri rauchte in Chelsea in der Kabine, weil das Training länger dauerte als geplant. José Mourinho zog nach Rom, weil kein Top-Verein in der Heimat ihm die Hand reichte. Jetzt jubelt das Stadio Olimpico, während die Tottenham-Fans De Zerbi-Lieder singen. Das Muster ist längst keine Episode mehr, es ist ein Systemfehler.

Die angst vor dem eigenen genie

Die angst vor dem eigenen genie

Italienische Klubs lieben Controlling-Module, Power-Point-Präsentationen über „Mentalità“. Wer taktische Netzwerke analysiert, stört den Flow der Vorstandsetage. Fonseca erzählte mir im Dezember in Porto: „Sie wollen Spieler kaufen, bevor sie wissen, wie wir pressen. Dann fragen sie, warum die Automatismen nicht funktionieren.“ Er lachte, aber es klang wie ein Schrei.

Die Folge: Ein Exodus, der keiner sein will. Enrico Martínez, der Scout, der De Zerbi damals nach Shakhtar begleitete, sagt: „Wir exportieren Ideen, weil wir sie daheim nicht durchsetzen dürfen.“ Die italienische Nationalmannschaft? Kein einziger Spieler aus dem aktuellen Kader läuft unter einem einheimischen Trainer in der Premier Formation. Das ist kein Zufall, das ist ein Armutszeugnis.

Die Liga, einst stolz auf Arrigo Sacchi und Marcello Lippi, züchtet jetzt Berater, nicht Visionäre. Solange ein Präsident lieber einen „gewinner Typ“ mit Zigarettenstummel auf der Tribüne sieht als jemanden, der seine Mannschaft in 40 verschiedene Anspielphasen zerlegt, fliegen die Besten weiter aus. Die Rechnung kommt irgendwann – und sie hat zwölf Millionen pro Jahr, plus Ausstiegsklausel.