Italiens albtraum von 2017 und 2022 droht erneut: gattuso muss heute in bergamo liefern

20:45 Uhr, Stadio di Bergamo: Italien steht mit dem Rücken zur Wand. Gennaro Gattuso hat 90 Minuten Zeit, die „Azzurri“ vor dem nächsten WM-Desaster zu retten. Gegen Nordirland beginnt die einzige Halbfinale-Partie der Play-offs, die keinen Patzer erlaubt.

Seit 2014 keine wm-teilnahme mehr – die zahlen sind brutaler als jede schlagzeile

Seit 2014 keine wm-teilnahme mehr – die zahlen sind brutaler als jede schlagzeile

Die Bilanz liest sich wie ein Horror-Skript: Schweden 2018, Nordmazedonien 2022, beide Male Elfmeterschießen oder spätes Gegentor, beide Male Tränen und Rücktritte. Wer heute nach 90 Minuten verliert, ist raus aus dem Rennen um die WM 2026 in den USA, Mexiko und Kanada. Keine Hinspiele, kein Auswärtstor-Modus, kein netter zweiter Versuch – nur ein einziges Spiel, das über Alles entscheidet.

Die UEFA hat das Format bewusst scharf geschliffen: Wer heute gewinnt, reist am Dienstag, 31. März, entweder nach Cardiff oder nach Zenica. Gegen Wales oder Bosnien, auswärts, 48 Stunden nach dem Sieg. Das bedeutet: Flugplanung ohne Zielort, Koffer bleiben gepackt, medizinisches Personal berechnet zwei Szenarien. Gattuso nennt das „Urlaub mit Folgen“, sein Co-Trainer lacht nicht darüber.

Gattuso selbst trägt die Last doppelt. Als Spieler war er 2006 Weltmeister, als Coach musste er 2022 mit Neapel wegen der Auslosung zuschauen, wie Italien versagte. „Ich habe damals in meinem Wohnzimmer einen Teppich weggeworfen, weil ich die Flasche fallen ließ“, sagt er im Trainingslager. „Heute darf keine Flasche mehr fallen.“

Die Startaufstellung steht offiziell noch nicht, doch die Windrichtung weist auf Florenz-Trio: Biraghi, Bonaventura und Vlahovic sollen Nordirlands Fünferkette auseinanderziehen. Hinten sichert Donnarumma die Linie, der nach dem Wechsel zu Paris längst zum Symbol für Kontinuität geworden ist. Die Fans diskutieren, ob Gattuso Jorginho auf die Bank setzt – der Strafstoß-Patzer von Palermo gegen Nordmazedonien steckt tief in der kollektiven Erinnerung.

Tickets waren in 37 Minuten ausverkauft, die Regionalbahn fährt heute im 15-Minuten-Takt nach Bergamo. Die Stadt selbst erinnert sich 2018 an den Tag, als sie nach dem Schweden-Aus als „Stadium of Shame“ durch die Medien ging. Bürgermeister Gori hat heute den Schulunterricht um eine Stunde nach hinten geschoben – mehr Zeit für Eltern, ihre Kinder mit ins Stadion zu nehmen oder zumindest vor den Fernseher zu setzen. Die Botschaft: Diesmal sollen die Kinder nicht weinen, sonst jubeln.

Wer in Deutschland einschalten will, braucht nur das Handy. UEFA.tv überträgt kostenlos, Anmeldung reicht. Kein Abo, kein Geoblocking, nur ein Klick – das ist die neue Strategie des europäischen Verbandes, junge Zielgruppen zu binden. Gleichzeitig laufen auf Radio MARCA spanische Kommentatoren heiser, weil sie wissen: Fällt Italien erneut, platzt in Madrid ein kleines Fenster zur Goldeneren Generation auf.

Gattuso sprach gestern mit der Mannschaft über den „Momento vero“. Keine Rede von Geschichte, keine Referenz auf den legendären November-Abend 2021 gegen die Schweiz. Stattdessen sagte er: „Wenn wir nach 20 Minuten nicht führen, wird die Kurve nervös. Dann spielt nicht mehr unser System, sondern unser Bauch.“ Die Spieler nicken, weil sie wissen: Er spricht aus Erfahrung. 2006 lag Italien im WM-Finale gegen Frankreich früh zurück, bevor es doch noch reichte.

Die Quoten der Wettanbieter sehen Italien klar vorne, aber Buchmacher kannten auch 2018 und 2022 keine Niederlage. Die Statistik, die wirklich zählt, steht im Kopf: Seit 14 Jahren hat Italien kein K.-o.-Spiel mehr außerhalb eines Turniers gewonnen. Das muss heute enden, sonst fliegt die „Azzurra“ erneut vor dem großen Fest – und Gattuso packt seine Koffer Richtung unbekannt, diesmal ohne Rückflug gebucht.