Iraner rebellieren: 200 athleten fordern ioc-chefin coventry zur auflösung des eigenen komitees
Das Ultimatum ist geschrieben, nicht an Teheran, sondern an das IOC. Rund 200 iranische Sportler haben Präsidentin Kirsty Coventry mit einem sechsseitigen Brief aufgefordert, das Nationale Olympische Komitee des Iran aufzulösen – wegen systematischer Repression, politischer Säuberungen und dem Tod von Navid Afkari, der 2020 trotz weltweiter Proteste hingerichtet wurde.
Das schweigen der ioc-chefin wird zur belastungsprobe
Der Appell, der zuerst auf der Plattform X von Global Athlete veröffentlicht wurde, ist keine Petition aus dem Exil, sondern ein Aufstand von innen. Unterzeichnet haben Wrestler, Judoka, Volleyballer, Schwimmer – und Ali Karimi, einst Bayern-München-Star und heute Symbolfigur der iranischen Diaspora in Los Angeles. „Schweigen ist in diesem Zusammenhang keine Neutralität“, heißt es im Brief, „es schützt eine diskriminierende Politik.“ Coventry habe die Wahl: entweder die olympische Charta verteidigen oder sie zu Makulatur deklarieren.
Der Vorwurf: Das iranische NOK ist keine unabhängige Organisation, sondern ein verlängerter Arm des Regimes. Sportverbände werden von Revolutionsgarden oder Staatsnahen kontrolllicht, Athleten, die protestieren, fliegen aus Nationalteams oder landen im Evin-Gefängnis. Der Fall Afkari war nur die Spitze: Der Ringer war nach eigenen Angaben gefoltert worden, sein Geständnis erzwungen, seine Hinrichtung trotz internationaler Warnungen vollstreckt.

Ioc reagiert nicht – die uhr tickt
Die dpa hat das IOC um Stellungnahme gebeten – bisher Stille. Das ist keine kleine Nebensache, sondern ein Präzedenzfall. Die Charta verbietet Diskriminierung, garantiert Meinungsfreiheit und schützt die körperliche Unversehrtheit der Athleten. Wer diese Regeln mit Füßen tritt, kann laut Regel 27 des IOC-Protokolls suspendiert werden. Die letzte Suspendierung traf Russland nach der Invasion der Ukraine. Iran könnte das nächste Ziel sein – wenn Coventry sich bewegt.
Die Athleten haben ihr Risiko kalkuliert. Viele von ihnen leben noch im Land, ihre Namen stehen öffentlich. Wer in Teheran unterschreibt, dass sein Staat das NOK auflösen solle, setzt seine Karriere, manchmal seine Freiheit aufs Spiel. Die Liste der Unterzeichner ist deshalb nicht nur ein Protest, sondern auch ein Ausreiseantrag in die Zukunft.
Die Frist ist offen, der Druck nicht. Coventry muss sich entscheiden: Entweder sie schützt die Ideale von Pierre de Coubertin – oder sie lässt den Iran beim nächsten Olympischen Fest wieder mit Fahnenschwenken antreten, während hinter den Kulissen Athleten verschwinden. Die Sportler haben ihren Job gemacht. Jetzt ist das IOC dran.
