Iran fliegt nur für zwei stunden nach seattle – wm-reise wird zur farce

Die US-Behörden lassen Team Melli nur zum Spiel selbst ins Land. Anschließend heißt es sofort wieder raus. Eine 3.000-Kilometer-Heimreise nach Tijuana direkt nach dem Schlusspfiff – so absurd nimmt Washington den Gastgeber-Fairness-Kodex der FIFA auseinander.

Toter winkel im westen: das spiel in seattle

Die Zahlen sind nüchtern und brutal. 1.720 km Luftlinie vom Trainingscamp in Tijuana nach Seattle. 180 Minuten Flugzeit. 110 Minuten zur Verfügung, nach dem letzten Pass, um die Staatsgrenze wieder hinter sich zu lassen. Die FIFA hatte noch vor zwei Monaten beteuert, „alle Teams gleich zu behandeln“. Was übrig bleibt, ist ein Klassiker amerikanischer Einreisebürokratie:.

Für die ersten Partien gegen Neuseeland und Belgien in Los Angeles ist die Lage noch halbwegs erträglich: zweieinhalb Stunden Bus, Schampusverbot im Fahrzeug, dafür rechtzeitiges Nachtbetten der taktischen Anweisungen. Doch der Terminkalender der Gruppe C versetzt die Iraner in eine Zange. Wer in Seattle pünktlich das Flugzeug erreichen will, muss spätestens beim 75. Minute die Uhr auf Sturm stellen. Keine Pressekonferenz, keine Dopingkontrolle vor Ort – das US-Heimatschutzministerium schickt die Mannschaft schlicht in die Wüste.

15 Visa gestrichen – sogar der verbandschef bleibt draußen

15 Visa gestrichen – sogar der verbandschef bleibt draußen

Das ist keine Formsache mehr. Das iranische Staatsfernsehen bestätigt, dass Präsident Mehdi Taj auf der Abschussliste steht. US-Medien in der Diaspora schieben nach: ehemaliger Mitglied der Revolutionsgarden. Die Formulierung aus Washington klingt wie aus einem Spionageroman: „Wir lassen nicht zu, dass das System missbraucht wird, um Terroristen einzuschleusen.“

In Teheran tobt derweil ein Sturm der Entrüstung. Der Verband wirft den USA „politische Einmischung in den Sport in ihrer schlimmsten Form“ vor. Ein Verbandssprecher, der anonym bleiben muss, weil er sonst selbst das Visum verliert, spuckt ins Telefon: „Wir sollen Fußball spielen und gleichzeitig wie Verbrecher behandelt werden.“

Fifa schweigt, fans wittern provokation

Fifa schweigt, fans wittern provokation

Die Weltfußballzentrale in Zürich duckt sich weg. Ein Satz, den man seit dem Bombardement Ende Februar oft liest: „Das ist eine Angelegenheit zwischen souveränen Staaten.“ Dabei hat die FIFA-Statutenklausel 7.4 genau diesen Fall geregelt – Gastgeber müssen „unverzüglich und uneingeschränkt Visabewilligungen erteilen“. Die Realität sieht anders aus.

In den sozialen Netzwerken kursiert bereits ein Hashtag: #VisaForTaj. Iranische Ultras posten Bilder aus dem Jahr 1998, als Team Melli im Lyon-Stadion für die USA applaudierte. Ironie der Geschichte: Damals galten die Amerikaner noch als willkommene Gäste. Heute fliegt die Mannschaft lieber jedes zweite Wochenende 3.000 Kilometer, als sich eine Nacht in Seattle die Seele aus dem Leib diskutieren zu lassen.

Am 22. Juni, 23:58 Uhr Ortszeit, werden die Lichter im Husky Stadium erlöschen. Zwei Minuten später hebt die Maschine Richtung Grenze ab. Dann wird wieder gespielt – auf dem Feld und im diplomatischen Schattenkabinett. Die FIFA hat den Zeitplan, Washington hat die Macht. Und Iran hat 90 Minuten, um die Gruppe C zu überraschen – bevor es wieder aus der Luft geschossen wird.