Ik schäfer live: mexiko-stadt zittert vor dem wm-kick

Mexiko-Stadt, 19:18 Uhr Ortszeit – eine Million Menschen schreit, und noch ist kein Ball gerollt. Das Aztekenstadion pulsiert wie ein Herz kurz vor dem Infarkt. Gleich eröffnet die größte WM aller Zeiten, aber die große Show vor dem Spiel droht zur Farce zu werden.

Die präsidentin bleibt draußen

Claudia Sheinbaum, erste Frau an der Spitze des Landes, sagt nicht einfach ab – sie liefert eine politische Bombe. Ihre Karte wandert an Yolett Cervantes Cuaquehua, 21, Amateurspielerin aus Puebla. Offizielle Begründung: „Sie repräsentiert das wahre Mexiko.“ Laut Hintergrundgesprächen ist es ein kalkulierter Schlag gegen Fifa-Bossen, deren Ticketpreise ein Arbeiterlohn verschlucken. Sheinbaum will sich das Spiel auf dem Zócalo mit tausenden anschauen, die sich die Arena nicht leisten können. Ein Statement, das durch Lateinamerika hallt.

Um 19.30 Uhr startet die Eröffnungsfeier, 90 Minuten Show mit Shakira, die ihren Song „Dai Dai“ live bringt. Drei Städte, drei Shows – Mexiko, Toronto, Los Angeles –, doch nur hier in der Höhenluft von 2.240 Metern droht das Feuerwerk ins Chaos zu laufen.

Chabacano – der knotenpunkt der angst

Chabacano – der knotenpunkt der angst

Die U-Bahnstation Chabacano gleicht einer Festung. Riot-Police in Vollmontur, sechs Stationen der Linie 2 zeitweise dicht, Lehrer der radikalen CNTE-Gewerkschaft wollen mit Trillerpfeifen gegen Fifa protestieren. Auf den Straßen kontrolliert die Polizei jeden Bus, Lkw-Fahrer blockieren den Zubringer, und die Gerüchteküche brodelt: Verkehr zusammengebrochen. Wer um 20.30 Uhr noch nicht im Stadion ist, kommt vielleicht gar nicht mehr rein.

Doch drinnen herrscht bereits karibisches Karnevals-Fieber. 80.000 Zuschauer, fast alle im grünen El-Tri-Trikot, wedeln mit den lila WM-Fahnen, die auf jedem Platz liegen. Dazu ein Papp-Sombrero in Grün – Geschenk der Liga MX. Die Bier- und Tequila-Stände sind geöffnet, externe Akkus für Handys vermietet man an jeder Ecke. Die Polizei im Inneren hält sich auffällig zurück, als wolle man das kollektive Entgleisen nicht bremsen.

Vom „bekenbahuer“ bis zum maya-krieger

Vom „bekenbahuer“ bis zum maya-krieger

Vor dem Stadion trifft sich das ganze Spektrum. Männer als Azteken-Krieger, Gesichter bemalt wie Todesmasken, Frauen in Strohsombreros mit 50 cm Durchmesser. Der Imbiss vis-à-vis wirbt mit „Tortas“-Sandwiches – Oliver Kahn, DJ Stefano und urkundlich falsch „Bekenbahuer“. Ein Fauxpas, der in den sozialen Netzen schon viral geht.

Um 21 Uhr Anpfiff. Mexiko gegen Südafrika – das erste Kapitel einer WM, die 48 Teams zählt. Die Fifa feiert Expansion, Fans feiern Volksfest. Und mitten drin steht Yolett Cervantes, 21, Amateurspielerin, auf dem Rasen, während die Präsidentin mit dem Volk auf dem Zócalo steht. Das ist das Bild des Abends: Macht, die sich umdreht, und Fußball, der stärker bleibt als alle Barrieren.