Hoeneß schießt scharf: nagelsmanns wm-traum in gefahr?
München – Uli Hoeneß, der Ehrenpräsident des FC Bayern, hält die WM-Chancen der deutschen Nationalmannschaft für fraglich – und übt dabei scharfe Kritik an Bundestrainer Julian Nagelsmann. In einem Interview mit der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung ließ der sonst eher zurückhaltende Funktionär wenig Zweifel an seiner Meinung.
Fehlende konstanz als stolperstein?
Der Kern von Hoeneß' Kritik liegt in der fehlenden Konstanz in der Aufstellung. „Wenn es Deutschland gelingt, eine Mannschaft zu werden, obwohl der Trainer es nicht geschafft hat, zweimal hintereinander mit derselben Elf zu spielen – dann haben wir eine Chance“, so Hoeneß. Diese Aussage ist ein deutlicher Seitenhieb auf Nagelsmanns Rotationsprinzip, das in den letzten Spielen vor dem Turnier deutlich zu erkennen war. Es ist kein Geheimnis, dass Hoeneß bereits zuvor, unter anderem bei DAZN, seine Bedenken hinsichtlich der fehlenden Stammelf geäußert hat.
Wer steht im Tor? Wer verteidigt rechts? Hoeneß' Fragen sind nicht nur rhetorisch. Er stellt die Frage nach den Stammspielern in entscheidenden Positionen – Torwart, rechter Verteidiger, Mittelstürmer – und warnt vor einem desaströsen WM-Auftakt, falls die Mannschaft bis dahin nicht besser zusammenspielt. „Wenn es so weitergeht, wird es passieren, dass wir zum ersten WM-Spiel eine Mannschaft auf den Platz schicken, die so noch nie zusammengespielt hat.“

Selbstüberschätzung oder taktische finesse?
Doch Hoeneß’ Kritik geht noch weiter. Er wirft Nagelsmann vor, sich zu sehr in den Vordergrund zu stellen und die Mannschaft nicht ausreichend zu befähigen. Er vergleicht die Situation mit der beim FC Bayern vor der Saison: „Vor der Saison hat doch jeder gesagt: Der Kader ist zu klein, der Kader ist nicht gut genug. Aber dann hat der Trainer die Spieler alle besser gemacht, und vor allem hat er aus den Spielern ein Team gemacht. Aber unser Bundestrainer glaubt, er gewinnt das Spiel.“ Anders als Trainer Vincent Kompany bei den Bayern, der eine geschlossene Einheit formte, scheint Nagelsmann Hoeneß’ Augen nach zu sehr auf sich selbst zu fokussieren.
Die kommenden Wochen werden zeigen, ob Nagelsmann auf die Kritik reagieren und eine klare Linie finden kann. Die Erwartungen sind hoch, nach den enttäuschenden Vorrundenabschieden in Russland und Katar lastet ein enormer Druck auf der Mannschaft. Ob Deutschland in den USA, Kanada und Mexiko ein Fußballmärchen erleben kann, hängt maßgeblich davon ab, ob Nagelsmann es schafft, eine stabile Mannschaft zu formen und das Vertrauen der Fans zurückzugewinnen. Die Uhr tickt.
