Heute explodiert die handball-europa-league: kiel ist fix, hannover bangt – und ein tor kann alles versiegeln

Um 18.45 Uhr rollt in Schaffhausen und Nasice der Ball, um 20.45 Uhr stampfen die Fans in Flensburg und Kiel durch die Tribünen – und kein einziges der acht deutschen Teams weiß, ob es morgen noch dabei ist. Die letzte Gruppenphase der European League ist ein Puzzle aus Tordifferenzen, Dreiervergleichen und Nervenbündeln, die kurz vor dem Zerreißen stehen.

Warum der thw kiel trotzdem schon jubelt

Die Zebras haben sich mit dem 29:26 in Flensburg vor zwei Wochen die Tür zum Viertelfinale selbst aufgerissen. Selbst wenn sie heute gegen Bidasoa Irun verlieren: Platz eins in Gruppe I ist ihnen nicht mehr zu nehmen. Trainer Filip Jícha kann Rotieren, schonen, experimentieren – und trotzdem mit 20.000 Zuschauern im ausverkauften Wunderino-Arena-Block feiern. Der Gegner im Viertelfinale? Erst im Januar gelost, aber die Buchmacher nennen Kiel schon wieder Top-Favorit.

<Strong>sg flensburg-handewitt</strong> fährt freiwillig auf sicht

sg flensburg-handewitt fährt freiwillig auf sicht

Flensburg ist Tabellenzweiter, punktgleich mit Montpellier – aber dank des 26:25-Siegs im direkten Vergleich vor den Franzosen. Das bedeutet: Ein Punkt gegen Montpellier reicht, um den zweiten Platz zu sichern. Doch Coach Maik Machulla will mehr. „Wir spielen nach vorne, wir spielen zu Hause, wir spielen für 5.000 Fans, die seit Wochen auf Karten warten“, sagte er gestern beim Abschlusstraining. Der Sieg gegen die französische Auswahl würde Flensburg sogar theoretisch auf Rang eins katapultieren, sollte Kiel patzen – ein Szenario, das die Nordlichter lieber im stillen Kämmerlein durchspielen.

Die <strong>mt melsungen</sub></strong> muss gewinnen – oder fliegt

Die mt melsungen muss gewinnen – oder fliegt

In Gruppe III steht die MT vor der schwierigsten Aufgabe des Abends. Gegen Vardar Skopje reicht kein Remis, weil die Mazedonier dank des 33:37 aus dem Hinspiel bei Punktgleichheit vorne liegen. Heimspiel in der Rothenbach-Halle, 4.200 Fans, ein Sieg würde Melsungen auf Platz eins schieben und direkt in die Runde der letzten Acht senden. Verlieren sie, droht der Umweg über die Play-offs – oder das Aus. „Wir haben 60 Minuten, um ein halbes Jahr Arbeit zu vergolden oder zu versenken“, sagt Rückraum-Shooting-Star Julius Kühn. Die Anspannung ist spürbar: Gestern noch Extra-Schicht im Video-Check, heute morgen Einheit mit dem Sportpsychologen.

<Strong>tsv hannover-burgdorf</strong> schaut nach schaffhausen und nasice

tsv hannover-burgdorf schaut nach schaffhausen und nasice

Die Recken sind als einziges deutsches Team in Gruppe IV schon sicher im Viertelfinale – aber ihre Teamkameraden im Fernduell bangen. Kadetten Schaffhausen, RK Nexe und Fredericia HK sind alle bei vier Punkten. Hannover selbst kann nur zuschauen und rechnen. Endet das Duell Nexe gegen Hannover mit einem Remis und gewinnen die Kadetten, stehen die Schweizer als Gruppenzweiter im Viertelfinale. Verliert Nexe, rückt Fredericia bei eigenem Sieg vor. „Wir sind durch, aber wir sind nicht raus aus der Geschichte“, sagt Kapitän Casper Ulrich Mortensen. „Jeder Treffer, den wir kassieren, kann einen Freund oder einen Rivalen retten – und das ist ein seltsames Gefühl.“

Die killer-tordifferenz, die alles entscheidet

Die killer-tordifferenz, die alles entscheidet

In Gruppe II könnten drei Teams bei 7:7 Punkten landen. Dann zählt der Dreiervergleich – und der sieht so aus: Skanderborg-Aarhus (+7), Elverum (+1), FC Porto (–8). Die Dänen müssen also entweder selbst gewinnen oder mit einem Remis die Tordifferenz halten. Porto wiederum benötigt einen Sieg, weil das 58:56 im Direktvergleich gegen Elverum nur bei eigenem Erfolg zählt. Elverum muss gewinnen und gleichzeitig auf eine Schützenhilfe aus Kroatien oder Dänemark hoffen. Die Rechnung ist so kompliziert, dass selbst die offizielle EHF-App gestern kurzzeitig die falschen Szenarien anzeigte – und danach per Twitter um Entschuldigung bat.

Was im falle des falschen-falls passiert

Was im falle des falschen-falls passiert

Sollte es in zwei Gruppen zu Punkt- und Torgleichheit kommen, greift die nächste Stufe: die Anzahl der erzielten Tore in allen Spielen. Das könnte bedeuten, dass ein 35:34 in der letzten Sekunde über Ein- oder Ausscheiden entscheidet. Die Teams haben das verinnerlicht. In Melsungen trainierte man gestern noch fünf Sekunden vor Schluss den sieben-auf-sechs-Überzahlspielzug – für den Fall, dass man in der 60. Minute bei 28:28 die Tordifferenz schützen muss.

Der countdown läuft – und die konsequenzen sind gigantisch

Der countdown läuft – und die konsequenzen sind gigantisch

Wer heute ins Viertelfinale einzieht, sichert sich mindestens drei weitere Heimspiele, TV-Geld im sechsstelligen Bereich und ein Ticket für das Final-Four-Turnier in Köln, das im Mai 2024 die europäische Elite versammelt. Wer scheidet, muss sich mit der Bundesliga begnügen – und mit der Erkenntnis, dass eine Saison schon im November enden kann. Für Sponsoren, Fans und Spieler ist das der Unterschied zwischen Champions-League-Feeling und Winter-Trainingslager in der Halle nebenan.

Um 20.46 Uhr wird in Kiel der Schlusspfiff ertönen, um 18.46 Uhr in Schaffhausen. Dann weiß jeder, wer weiterträumt – und wer nach Hause fahren muss. Bis dahin zählt jeder Wurf, jeder Block, jeder Schritt. Die Handball-Europa-League ist kein Turnier, sie ist ein Thriller. Und heute ist der Tag, an dem die letzte Seite umgedreht wird.