Gullit zerstört den modernen fußball: „keiner traut sich mehr was“

Ruud Gullit hat dem modernen Fußball eine Absage erteilt – und das mit der Wucht eines Seitfallziehers aus seiner Glanzzeit. Im Ziggo-Sport-Podcast rastete der ehemalige Milan-Star nach dem London-Derby zwischen Arsenal und Chelsea aus: „Ein grauer, mutloser Kick. Balljungen reichen Handtücher, statt dass mal jemand dribbelt. Das ist doch kein Fußball mehr, das ist ein Protokoll!“

Der ball ist ein fremdkörper geworden

Was Gullit hören lässt, klingt wie ein Abschiedsbrief an das Spiel, das ihn einst berühmt machte. „Früher musste ein Yamal noch nicht mal groß gefeiert werden – jeder Zweite hat’s probiert“, spottet der 62-Jährige. „Heute schickt der Trainer eine Excel-Tabelle mit, wer wann wo hinläuft. Die Spieler funktionieren, sie spielen nicht.“

Sein Publikum: Ziggo-Sport-Moderator Jan Joost van Gangelen, der versucht, Gegentempo zu geben – vergeblich. Gullit lässt keine Ruhe. „Ich zähl 45 Minuten Ballstafetten, aber keinen einzigen 1-gegen-1-Versuch. Keiner will den Gegner ausspielen, alle warten auf den perfekten Diagonalpass. Dabei verlieren sie das Spiel, die Seele und die Zuschauer.“

Die zahlen sprechen für sich – und gegen den showeffekt

Die zahlen sprechen für sich – und gegen den showeffekt

Die Statistik liefert ihm Recht: In dieser Premier-League-Saison sinkt die erfolgreiche Dribbling-Quote auf 37 Prozent – Tiefstwert seit zehn Jahren. Dafür steigen die Flanken um 14 %, die Seitwärts-Pässe um 19 %. „Die Taktik hat den Künstler erstickt“, sagt Gullit. „Früher ging’s ums Gesicht, heute ums Gesichtserkennungssystem der Analysten.“

Und er weiß, wovon er spricht. Als Kapitän von AC Mailand gewann er 1989 und 1990 die Europapokale, spielte selbst alle Positionen von der Libero bis zur Spitze. „Totaler Fußball bedeutete: Jeder kann alles – aber jeder will auch alles. Heute will jeder nur noch seine Aufgabe abhaken.“

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Die Konsequenz sieht man nicht nur in leeren Block 13-Abteilungen, sondern auch in den Jugendzentren. „Mein Neffe fragt: ‚Onkel Ruud, warum soll ich dribbeln lernen, wenn mein Trainer mir sagt, dass 32 Passstafetten effizienter sind?‘ Da habe ich keine Antwort mehr“, gesteht Gullit.

Sein Appell geht an die Trainer, aber auch an die Medien: „Hört auf, Tiki-Taka als Kunst zu feiern. Kunst ist, was Maradona 1986 machte, was George Best in Bestie-Modus machte, was Yamal gestern wieder machte – nur eben viel zu selten.“

Am Ende bleibt ein Satz hängen, der so sehr Gullit ist, dass man seine Stimme sofort im Ohr hat: „Wenn wir so weitermachen, schauen bald nur noch Algorithmen Fußball – und die pfeifen nicht mal mehr dazu.“