Grimaldos schatten: warum leverkusen plötzlich wieder zittert

Am Millerntor hätte ein einzlicher Pass gereicht, um den HSV zu ersticken. Stattdessen rutschte Alejandro Grimaldo der Ball vom Fuß, William Mikelbrencis klärte zur Ecke, und die 77. Minute wurde zur Momentaufnahme eines ganzen Halbjahres: Der Spanier wirkt wie entkernt.

Die zwei gesichter eines meister-spielers

Noch vor Weihnachten war Grimaldo der Dreh- und Angelpunkt von Bayer 04, ein 1,70-Meter-Motor, der links wie rechts, vorne wie hinten, immer einen Tick schneller dachte als der Gegner. Zehn Tore, 15 Vorlagen – die Liga lag ihm zu Füßen, die Ballon-d’Or-Wähler setzten ihn auf Platz 28. Dann kam Dezember, und mit ihm die erste Zwangspause. Drei Liga-Spiele fehlte er, weil Adduktoren und Sprunggelenk rebellierten. Die Karriere des 30-Jährigen schien auf einem Zenit, doch der Körper hatte länger geplant als der Kopf.

Kasper Hjulmand sprach von „Risiko-Minimierung“, doch das Wort war ein Euphemismus. Ohne Grimaldo fiel die linke Seite in sich zusammen, Jeanuel Belocian flog aus dem Kader, Arthur verletzte sich, und plötzlich war der Dauerläufer wieder Dauerkandidat. Seit Januar spielt er alle Minuten, weil niemand sonst die Position besetzt. Die Folge: Keine Frische, keine Pässe, keine Torgefahr. Die Zahl der Ballverluste in der gegnerischen Hälfte stieg von 1,8 auf 3,4 pro 90 Minuten – ein Wert, der ihn in die untere Hälfte aller Bundesliga-Außenverteidiger katapultiert.

Leverkusens taktisches dilemma

Leverkusens taktisches dilemma

Die Lösung liegt nicht im 4-3-3, sondern in der Utopie eines 4-2-2-2 mit invertiertem Flügel, doch dafür bräuchte Hjulmand entweder einen fitten Backup oder einen Mittelfeldspieler, der links die Räume schließen kann. Beides existiert derzeit nur auf dem Papier. Am Samstag wartet Freiburgs Christian Günter, der die Seiten wechselt wie ein Uhrwerk; danach kommt Arsenal mit Bukayo Saka, der in der Premier League bereits 14 Tore vorbereitet hat. Wer Grimaldo schont, riskiert Punkte. Wer ihn spielen lässt, riskiert ihn selbst.

Die Kaderplanung des Wintertransfers wirkt wie ein Selbstbiss: Belocian durfte zu Wolfsburg, weil man auf „interne Lösungen“ vertraute. Interne Lösungen bedeuten heute: Jonas Hofmann rückt zurück, Florian Wirtz driftet links, und die Mitte verliert ihre Dichte. Die Statistik lügt nicht: Mit Grimaldo auf dem Feld kassiert Leverkusen 0,8 Tore pro Spiel, ohne ihn 1,3. Die Differenz mag klein klingen, entscheidet aber zwischen Achtelfinale und Vorsicht Ruhrpott.

Grimaldos Körper spricht eine Sprache, die der Trainer nicht hören will. Die Sprache lautet: Pause. Doch die Realität lautet: Arsenal, Bayern, Dortmund. Drei Wochen, die über Saisonziele und Karrieren entscheiden. Werden sie zum Grabstein eines Prinzips, das lautet „Wir spielen, bis der Arzt kommt“? Oder findet Hjulmand in den nächsten 72 Stunden einen Hebel, der den spanischen Dauerlauf wieder in einen Sprint verwandelt? Die Antwort fällt in London, wo Saka bereits wartet – und wo Grimaldos Beine noch einmal schneller sein müssen als sein Schatten.