Gnabry raus, musiala rein: bayerns pokal-plan zerbricht am rechten oberschenkel
Es war ein Freitag, der alles veränderte. Während die Bayern den Meistertitel gerade noch in den Kneipen von München auskosten wollten, riss im Trainingslager ein Schrei durch die Stille. Serge Gnabry lag am Boden, die Hand an der Leiste, das Gesicht zur Maske. Adduktorenriss rechts – Saison vorbei, Traum von der WM in den USA ebenfalls. Vincent Kompany verlor in Sekundenbruchteilen seine feste Größe hinter der Spitze, jenen Spieler, der in den entscheidenden Partien zehn Tore schoss und elf vorbereitete, ohne je laut zu werden.
Die lücke füllt ein 23-jähriger mit tanzenden knöcheln
Jamal Musiala war schon am Sonntag gegen Stuttgart die Antwort, bevor die Frage überhaupt richtig formuliert war. 37 Minuten durfte er ran, reichte, um zwei Gegner auszutanzen und Raphael Guerreiro das 1:1 aufzulegen. Die Zuschauer sahen sofort: Das ist kein Ersatz, das ist ein Stilwechsel. Wo Gnabry die Lücke zwischen den Linien mit einem Kontrollschritt und einem kurzen Passspiel füllt, wirft Musiala sich hinein, trägt den Ball wie einen Korb voller Zuckerwatte – alles klebt an seinen Schuhen, bis es plötzlich nicht mehr tut. Die Kehrseite: 28 Ballverluste in den letzten fünf Pflichtspielen. Gegen Paris würde das bluten.
Kompany weiß das. Deshalb hat er bereits zwei weitere Notlösungen getestet. Guerreiro als falsche Zehn funktioniert wie ein getunter Kombi: unauffällig, aber effektiv. Fünf Saisontore stehen zu Buche, das 1:1 gegen Stuttgart war bereits sein dritter Treffer aus dem Halbraum heraus. Der Portugiese wird 35, geht danach nach Dortmund zurück – und könnte trotzdem der Mann fürs große Finale werden, weil er den Ball schneller weiterleitet als Musiala und gleichzeitig die Räume für Davies und Mazraoui öffnet.

Kane rückt ab, jackson stürmt – ein experiment mit risiko
Die dritte Option klingt nach Computerspiel, ist aber bereits Realität: Harry Kane rutscht in die Zehn, vorne läuft Nicolas Jackson ein. Der Engländer hat die Übersicht, aber nicht mehr die Beschleunigung, um nach einem Doppelpass selbst in den Strafraum einzutauchen. Jackson wiederum lebt von Tiefe, nicht von Kombination. Die Chemie stimmte bisher nur gegen Bochum und Gladbach, als beide Teams bereits mit zehn Mann standen. In der Champions-League-K.o.-Phase wäre das ein Wagnis, das selbst der eigenverliebte Kompany nur dann geht, wenn die Kiste brennt.
Die Zahlen sprechen eine klare Sprache: Ohne Gnabry sinkt die Passquote in den letzten 20 Metern um 7,4 Prozent, die Torgefahr aus dem Zentrum um fast ein Drittel. Gleichzeitig steigt die Dribblings-Quote, wenn Musiala spielt – ein Trost, aber kein Ersatz für die Ruhe, die Gnabry in hektischen Phasen ausstrahlt. Die Bayern haben also Optionen, aber keine 1-zu-1-Lösung. Und sie haben noch eine Rechnung offen: 2021 scheiterten sie im Viertelfinale gegen Paris, weil Lewandowski fehlte und niemand die Lücke hinter der Spitze füllen konnte. Genau diese Lücke klafft wieder – nur drei Wochen früher.
Am Samstag in Hoffenheim wird Kompany seine erste Antwort geben. Musiala dürfte von Beginn an ran, Guerreiro rückt bei Pausenführung nach. Die Meisterschaft ist gelaufen, der Pokal beginnt jetzt. Wer in Budapest steht, entscheidet sich an zwei Oberschenkeln: dem eigenen und dem von Serge Gnabry, der am Freitag nicht nur sich selbst verlor, sondern auch die letzte Konstante in Bayerns Offensive. Die Bayern haben genug Qualität, um auch ohne ihn zu gewinnen. Ob sie genug Zeit haben, diese Qualität neu zu justieren, zeigt sich ab Dienstag.
