Giro-groll: ciccone schlägt rubio nieder – und verliert die contenance
Der Passo Falzarego war noch nicht abgestiegen, da knisterte es bereits zwischen den Ohren. Einer Rubio, der kolumbianische Caldera-Fahrer des Movistar-Teams, sprintete dem Italiener Giulio Ciccone die letzten Bergpunkte weg – ein Seitenhieb, der eine tägliche Gentleman-Absprache sprengte und nach dem Ziel in ein offenes Scharmützel mündete.
Red-bull-kilometer als zündfunke
Alles begann kurz vor dem Kilometer Red Bull. Derek Gee, Kanadier bei Israel-Premier Tech und Teamkollege von Ciccone, riss das Tempo an – obwohl laut stiller Übereinkunft gerade niemand das Rennkapelle spielen sollte. Rubio sah rot, sein Blick sprach Bände: Vertragsbruch. Was folgte, war pure Bergtheater-Physik. Rubio jagte dem Kanadier davon, schaltete kurz vor dem Gipfel einen Gang höher und nahm Ciccone die Punkte weg, die diesem eigentlich zugedacht waren.
Ciccone, ohne Sieg, ohne Bergtrikot, ohne Fassung: „Einer Rubio ist ein Nebenbuhler, kein Champion. Er respektiert nichts. Er schimpfte, weil er den Kilometer Red Bull wollte – aber die Sprintwertung galt nur für die Gesamtfavoriten. Er machte mich zum Sündenbock. Ich vertraute ihm auf dem Falzarego, und er revanchierte sich mit einer Nadelstich-Attacke.“

Rubio antwortet – und schweigt dann
Rubio ließ die Kühle vermissen, nicht aber die Wortwahl: „Der Tag war ein einziger Kampf. Jeder versucht, der Schlauere zu sein. Wir verhandeln, wollen gemeinsam arbeiten, aber das Wort mancher Leute taugt nichts. Ich war zu nett – das war mein Fehler. Aber das ist Rennrad: Wenn die Herzfrequenz bei 190 schlägt, passieren solche Dinge.“
Am Vorabend der 20. Etappe zog er die Reißleine: „Lassen wir die Geschichte hier. Wir werden der Kontroverse keine weitere Runde geben.“ Ein Satz, der mehr verrät als jedes weitere Schuldvotum – nämlich, dass die Wunde noch blutet.

Zwei räder, ein berg, null fairness
Die Bilder zeigen eine Szene, wie sie das Radsport-Kino selten liefert: Ciccone stemmt die Hände in die Hüfte, Rubio dreht sich weg, Gee schaut ins Leere. Die Fans am Streckenrand jubeln, doch dahinter steht eine Frage, die den Radsport seit Jahren begleitet: Wann ist Taktik Verrat, wann ist Taktik Leben? Am Falzarego bot sich die Antwort in Echtzeit – und sie war so glasklar wie die Luft auf 2.105 Metern: Keine Regel schützt vor Groll, wenn der Berg die Maske fallen lässt.
Morgen geht’s weiter Richtung Rom. Die Beine werden wieder treten, doch im Hinterkopf bleibt ein Zahn, der noch lange knirscht. Wer den Giro gewinnt, steht nicht nur auf dem Podium, sondern auch auf der Abschussliste der Gereiztheit.
