Giacomel packt aus: „ich dachte, ich sterbe auf der loipe“
Tommaso Giacomel sitzt in der Mixed-Zone von Cortina, das Silberband von vor einer Woche trägt er nicht mehr. Stattdessen klopft er sich mit flacher Hand gegen den Brustkorb, dort, wo im Massenstart sein Herz plötzlich wie ein Hämmerchen gegen die Rippen schlug. „Als würde jemand eine Glocke in mir schütteln“, sagt er leise. Dann kommt der Satz, der die italienische Sportwelt erstarren lässt: „Ich habe mich gefragt, ob ich meine Eltern je wiedersehe.“
Der moment, als der körper die zügel übernahm
Zwischen den beiden Liegendschießen lief Giacomel noch in Führung. 24 Sekunden Vorsprung, keine Fehler, kein Anzeichen von Müdigkeit. Dann, nach dem zweiten Magazinwechsel, setzte die Tachykardie ein. „180, 190, vielleicht 200 – ich habe keine Zahl mehr gesehen, nur noch ein rotes Flimmern“, erzählt der 25-Jährige. Die Ärzte später: ventrikuläre Extrasystolen, ein angeborener Reizleitungsfehler, der bislang schlummerte. Das olympische Feuer hat ihn geweckt.
Giacomel bremste ab, ließ die Stöcke sinken, schwor sich, nur noch die nächste Biegung zu schaffen. „Aber die Biegung wurde zur Falle. Meine Lunge fror ein, meine Beine wurden schwerer, als trüge ich Zement.“ Er hob die Hand, das Zeichen für Streckenposten, dann brach er zusammen. Die Norweger NRK filmten, wie er sich auf den Schnee rollt, die Skier abspannt, die Daumen nach oben – mehr ein Reflex als ein Signal.

Krankenhauszimmer statt podestküsschen
Im Ospedale di Cortina angekommen, fragte Giacomel zuerst nicht nach dem Befund, sondern nach dem Terminplan: „Wann ist Kontiolahti? Ich muss dort starten, ich habe die Form meines Lebens.“ Die Antwort der Kardiologen war ein kalter Schock: Operation in Innsbruck, Saison sofort beendet, vier Monate Pause. „Ich lag da und dachte: Silber war gestern, heute ist Asche.“
Der angeborene Fehler im His-Bündel – eine millimeterkleine Lücke im Erregungsleitungssystem – ist laut Ärzten „ein klassischer Spätstarter“. Betroffene spüren nichts, bis das Herz auf Höchstleistung plötzlich versagt. „Der Sport ist mein Leben, und mein Leben wollte mich verlassen“, sagt Giacomel. Die Mutter flog am selben Tag aus Toblach ein, die Schwester brachte seine Laufschuhe – „als würden sie mir die Zukunft in die Hand drücken“.
Wieder auf die loipe? nur mit schrittzähler statt pulsmesser
Für Italiens Skiverband ist der Vorfall ein Imageschaden. Präsident Flores Ruck will künftig alle Athleten ab 23 obligatorisch durchleuchten lassen, ein Pilotprojekt startet schon im Sommer. Giacomel lacht dünn: „Ich werde der erste Patient sein und der erste, der wieder startet.“ Noch darf er nicht einmal joggen, dafür misst er seine Schritte auf dem Flur. 742 am Vortag, 856 heute – „ein kleiner Sieg gegen die Stillstandsfurcht“.
Der Medaillenspiegel von Mailand-Cortina zählt weiter, aber für Giacomel zählt nur ein Datum: 15. November 2026, Weltcupauftakt in Kontiolahti. „Dann will ich wieder in Rot-Weiß-Grün an der Startlinie stehen – mit einem Herzschrittmacher unter der Haut und einem Ziel vor Augen: Der Puls darf rasen, aber nie wieder erstarren.“
