Gattuso kann nicht schlafen: italiens wm-traum hängt an einem einzigen abend

20.45 Uhr in Palermo, und eine ganze Fußballnation hält den Atem an. Gennaro Gattuso, einstiger Kriegshund im Sechser-Korsett, schluckt Schlaftabletten, damit ihn die eigene Angst nicht erwürgt. Die Play-off-Pleiten von 2017 und 2021 brennen noch in den Knochen. Jetzt droht das dritte WM-Debakel in Folge – das wäre das Todesurteil für jeden Azzurri-Coach.

Ein sieg gegen nordirland rettet nur die halbe ehre

Die Nordiren haben Deutschland in der Gruppenphase zweimal geärgert, ein 1:1 in Belfast, ein 2:3 in Hamburg. Ihre DNA: tief stehend, zweikampfstark, Standards. Gattuso kennt die Analyse, trotzdem quält ihn die Frage, ob sein Mittelfeld mit Barella und Frattesi genug Durchschlagskraft besitzt, um die tief gestaffelte Mauer zu sprengen.

Druck? „Ich habe keinen Kühlschrank mehr zu Hause, nur noch Eisfächer“, sagt er halb lachend, halb krächzend. Die Pointe trägt bitteren Beigeschmack: Wer drei Mal hintereinander eine WM verpasst, darf sich in Italien nicht mehr in den Spiegel schauen. Die Medien sprechen bereits vom „Anfang vom Ende“ einer goldenen Generation, deren letztes großes Turnier der EM-Triumph 2021 war.

Der finale gegner wartet schon – und er ist kein pushover

Der finale gegner wartet schon – und er ist kein pushover

Sollte der Ball rollen wie erhofft, wartet im Finale entweder Wales mit dem launischen Bale-Ersatz Matondo oder Bosnien mit Dzeko, der immer noch jeden Zweikampf wie ein Bär beendet. Gattuso will sich nicht festlegen: „Erst mal 90 Minuten Hölle, dann schauen wir, wer die zweite Hölle bestreitet.“

Die Zahlen lügen nicht: Seit dem WM-Titel 2006 hat Italien nur ein einziges K.o.-Spiel auf der Weltbühne gewonnen – das Achtelfinale 2006 gegen Australien. Kein anderes großes Land der Fußballgeschichte hat sich selbst so lange im Ausnahmezustand gehalten. Die Fans singen zwar noch „Il Canto degli Italiani“, doch die Stimmen werden heiserer, weil sie wissen: Heute entscheidet sich, ob die nächste Generation überhaupt noch an großen Tagen antritt.

Um 22.30 Uhr wird entweder die Luft aus dem Stadio Renzo Barbera entweichen – oder ein ganzer Kontinent entlädt sich. Gattuso hat sich entschieden: Er wird auflaufen mit dem Blick eines Mannes, der weiß, dass die nächsten 120 Minuten über sein Schicksal und das eines ganzen Verbandes entscheiden. Kein Trainer vor ihm musste diesen Abend überstehen. Keiner wird ihn je vergessen.