Fußball: kinderschutz – warum die zahlen im dunkeln bleiben
Ein erschreckendes Schweigen liegt über dem deutschen Fußball. Während Fälle von Gewalt gegen Kinder immer wieder Schlagzeilen machen, verschwinden die tatsächlichen Dimensionen im Nebel der Intransparenz. Der DFB und seine Landesverbände verweigern bislang eine offene Bilanz – eine Haltung, die Betroffene und Experten gleichermaßen verärgert.

Ein system, das lichterloh brennt?
Die Zahlen sprechen eine deutliche Sprache: Zweieinhalb Millionen Kinder und Jugendliche spielen Fußball in Deutschland – mehr als in jeder anderen Sportart. Doch mit dieser Popularität scheint eine erschreckende Realität einherzugehen. Sportsoziologin Bettina Rulofs formuliert es unmissverständlich: „Absolut gesehen haben wir im Fußball wahrscheinlich die meisten Vorfälle von sexualisierter, psychischer oder auch körperlicher Gewalt.“ Das Problem ist nicht neu, die Prozesse in Essen und München haben das eindrücklich vor Augen geführt. Doch was passiert wirklich hinter den Kulissen?
Die Sportschau deckt auf: Kein einziger Landesverband kann Auskunft über die Anzahl der Meldungen in seinen Strukturen geben. Daten- oder Opferschutz? Persönlichkeitsrecht? Die Argumente der Verbände klingen hohl, insbesondere wenn man den jungen Mann Henry betrachtet, der selbst Opfer von Gewalt durch einen Fußballtrainer wurde. Sein Appell ist klar: „Die Leute, die da im Verband sitzen, haben eine Verantwortung gegenüber Sportlern und Betroffenen. Sich hinter Ausflüchten zu verstecken, ist inakzeptabel.“
Die Ansprechstellen sind kaum zu finden. Henry berichtet von seiner eigenen Suche: „Für Betroffene ist es fast ein Ding der Unmöglichkeit, jemanden zu finden und anzusprechen.“ Ein Zustand, den auch Diplom-Psychologin Ina Lambert vom Verein Safe Sport e.V. kritisiert. Ihre Organisation verzeichnet die meisten Hilfegesuche aus dem Fußball – ein Indiz dafür, dass das Problem tief verwurzelt ist.
Der DFB arbeitet zwar an einem „Safe Sport Konzept“, doch die Einbindung von Betroffenen fehlt bislang. Christina Gassner, Direktorin Politische Beziehungen beim DFB, räumt ein, dass eine bessere Datenlage notwendig ist. „Wir arbeiten eben dran“, verspricht sie, ohne jedoch konkrete Zeitpläne zu nennen. Eine Entwicklung, die zu langsam voranschreitet.
Die Kölner Sportsoziologin Bettina Rulofs betont, dass eine proaktive Kommunikation über Vorfälle und Daten das Vertrauen stärken kann. „Verbände, die transparent agieren, müssen sich nicht fürchten, in der Öffentlichkeit schlecht dazustehen.“ Doch im deutschen Fußball scheint die Angst vor negativer Publicity weiterhin größer zu sein als die Verantwortung gegenüber den jungen Sportlern.
Es bleibt die bittere Erkenntnis: Im Kampf gegen Gewalt im Fußball sind noch große Schritte notwendig. Kinderschutz darf keine leere Worthülle sein, sondern muss mit Transparenz, Konsequenz und einem echten Willen zur Veränderung umgesetzt werden. Die Zahlen mögen im Moment im Dunkeln liegen, aber die Forderung nach Aufklärung und Schutz wird immer lauter.
