Fünf silberheldinnen, ein pokal: dortmund und bensheim liefern sich krimi vor leeren rängen

Stuttgart – Die DHB-Pokal-Finalisten stehen, und sie lesen sich wie das Who-is-Who des deutschen Frauenhandballs. Borussia Dortmund und HSG Bensheim/Auerbach schlagen sich blutig, um am Sonntag den Henkelpott zu erhöhen. Fünf Vize-Weltmeisterinnen von 2025 sind noch im Rennen, drei beim BVB, zwei beim Underdog aus Hessen. Die Frage lautet nicht mehr, wer gewinnt, sondern: Wer trägt das Silber aus dem letzten Sommer endlich in Gold um?

Knapp 48 stunden nach dem halbfinale-drama ist die stimme von nina engel noch immer ein kreuzritter-flüstern

„Wir haben die Scheibe noch nicht zuende poliert“, sagt die Kreisläuferin, während sie Eis auf die Schienbeine packt. 31:31 nach 60 Minuten, 36:34 nach Siebenmetern gegen Thüringer HC – das war kein Spiel, das war ein Achterbahnunfall mit Happy End. Bensheim hatte eine 25:21-Führung verspielt, lag 29:31 zurück, schaffte doch noch den Ausgleich und verwandelte im Lottery-Modus kalter als der Harz im Februar. Mareike Thomaier verwandelt den letzten Ball, dann bricht ihr Lachen ab, als hätte sie vergessen, dass Kameras dabei sind.

Auf der anderen Halbfinalseite wirkt Alina Grijseels wie jemand, der schon vor dem Anpfiff weiß, dass ihr Name am Sonntag auf dem Pokal stehen wird. 35:32 gegen Blomberg-Lippe, 17:15 zur Pause, danach ein 4:0-Lauf, der die Lipperinnen entzaubert. Grijseels, Antl, Wachter – das Trio holte Silber in Dänemark, doch im Verein fehlt seit 1997 jede Spur von Edelmetall. 27 Jahre hat Dortmund auf diese Nacht gewartet. Die Fans haben schwarz-gelbe Flaggen mit „2026 – endlich wieder“ mitgebracht, als wäre die Zukunft schon jetzt Vergangenheit.

Die halle in stuttgart ist halb leer, das fernlicht der kameras blendet die leeren reihen

Die halle in stuttgart ist halb leer, das fernlicht der kameras blendet die leeren reihen

Der DHB verlegt das Final Four ins Fernsehen, nicht ins Stadion. Die Folge: Man hört jeden Schritt, jedes Keuchen, jedes quietschende Hallenschuh-Paar. Es klingt wie Handball im Probedurchlauf, fühlt sich aber an wie ein Geheimdokument. Wer hier gewinnt, darf sich nicht nur Pokalsieger nennen, sondern auch Retter des Frauenhandballs in Zeiten, in denen Olympia-Luxus und Bundesliga-Alltag auseinanderdriften.

Die Statistik lügt nicht: Bensheim traf in dieser Saison bereits zweimal auf Dortmund – und verlor beide Male. Das letzte Duell endete 26:29, damals warf Lisa Antl neun Tore. „Wir kennen ihre Rückraumsschützen besser als unsere eigenen Mitbewohnerinnen“, sagt Bensheims Trainerin André Fuhrmann, der zwischen den Sätzen kaut, als wäre Kaugummi sein einziger Schluck Schlaf. Dennoch: Im Pokal zählt nur der Tag, nicht die Tabelle. Bundesliga-Platz eins gegen Platz drei ist ein Satz, der am Sonntag nur noch auf dem Papier steht.

Um 16:15 Uhr wird im Porsche-Museum nebenan ein neuer 911 vorgestellt – 700 Pferdestärken, 0 auf 100 in 2,8 Sekunden. Drinnen in der Arena geht es um 14 Spielerinnen, die allesamt unter drei Sekunden brauchen, um einen Kreislauf zu starten. Die Frage ist nicht, wer schneller ist, sondern wer länger atmen kann. Denn der Pokal hat ein Gewicht: 11,5 Kilogramm, fast so schwer wie der Ball, den Engel am Ende über ihre Schultern wirft – entweder in Verzweiflung oder in unendliche Erleichterung.