Frauenhass statt mitleid: nach sturz von debora silvestri schlägt laboral kutxa zurück
Debora Silvestri liegt noch im Krankenhaus, da prasseln auf Spanisch, auf Baskisch, auf Deutsch die Hiebe durchs Netz. „Frauenradfahren ist ein Meme“, „vermutlich schminkte sie sich im Fahren“, „zurück in die Küche“ – so tönt es seit dem schweren Sturz auf der Cipressa-Abfahrt der Mailand-Sanremo-Damen. Laboral Kutxa schlägt jetzt öffentlich zurück.
Der sturz, der hass, die antwort
Die 24-jährige Italienerin rutschte bei 70 km/h in einer Rechtskurve weg, schlug auf Asphalt, blieb regungslos liegen. Mehrere Wirbelbrüche, ein Kollaps der Lunge, zwei Tage künstliches Koma. Während ihre Familie um jedes Atemzug kämpft, explodiert auf Instagram und Twitter der Abgrund.
Das Team um Manager Aznar zog die schlimmsten Brocken an den Tag. 247 Kommentare in 48 Stunden, 80 Prozent mit sexistischem Unterton. Die Samples: „Wenn ihr nicht treten könnt, warum startet ihr überhaupt?“ – „Nächstes Mal bitte keine Live-Bilder, das ist kein Sport, das ist Comedy.“ Laboral Kutxa veröffentlichte Screenshots, ließ die Namen stehen, schickte Anzeigen an die Staatsanwaltschaft Bilbao.
„Wir werden nicht mehr wegsehen“, sagt Teammanagerin Ane Ibarzabal. Sie klingt müde, aber entschlossen. „Jeder Cent, den wir in Frauen-Radsport stecken, wird von irgendwelchen Keller-Trollen als Einladung zum Spott betrachtet.“ Die Folge: Sponsoren zögern, TV-Sender melden sich zurück, und die Radsport-Union UCI reagiert – wie immer – mit einem Standardsatz über „Null-Toleranz“.

Die quote hinter dem hass
Die Zahlen sind laut, selbst wenn kaum jemand sie liest. Laut UCI-Studie 2023 erhalten weibliche Profis 41 Prozent weniger Gehalt als ihre männlichen Kollegen, obwohl sie dieselben Rennen absolvieren. Bei Social-Media-Reach liegt das durchschnittliche Frauen-Team bei 18 Prozent der Follower-Zahl eines WorldTour-Männer-Teams. Hass ist also billig, weil Gegenwind selten kommt.
Ein Detail bleibt unerzählt: Laboral Kutxa finanziert sich zur Hälfte über eine Genossenschaftsbank, deren Kundinnen zu 62 Prozent Frauen sind. Die Bank droht nun, Kooperationsgelder aus Männer-Profisponsoring abzuziehen, wenn die UCI keine härren Sanktionen aufstellt. Erstmals schwingt hier ein Geldhammer, der weh tut.
Debora Silvestri selbst kann die Debatte noch nicht führen. Sie atmet noch durch eine Maske, tippt aber schon Kurznachrichten. „Non mollo“ – „Ich gebe nicht auf“ – schickt sie an ihre Team-Gruppe. Die Antwort kommt binnen Sekunden: 32 Daumen-Emojis, ein Foto von ihrem aufgestellten Rennrad neben dem Krankenbett.

Was jetzt passiert, wenn nichts passiert
Die Saison geht weiter, die nächsten Rennen stehen an. Ohne Einschreiten droht der Frauen-Radsport, sich in eine Parallelwelt abzudriften: weniger TV, kleinere Felder, geringere Preisgelder – und mehr Hass im Netz, weil die Trolle merken, dass ihnen keiner den Stecker zieht.
Laboral Kutxa hat angekündigt, künftig alle Hasskommentare an die zuständigen Strafverfolger weiterzuleiten. Kein Löschen mehr, sondern Anzeige. Die erste Klage ist bereits eingereicht – gegen einen 43-jährigen Mechaniker aus Zaragoza, der sich in einem Kommentar wünschte, „dass die kleinen Dame beim nächsten Mal die Kurve trifft – gegen eine Mauer“.
Die UCI will bis Ende April ein „Digital-Task-Force-Konzept“ vorlegen. Bis dahin sammelt Laboral Kutxa weiter Beweise. Und Debora Silvestri? Sie will im Mai beim Emakumeen Euskal Bira aufs Rad steigen. Die Ärzte nennen das „athletisch unrealistisch“, sie selbst nennt es „Termin im Kalender“. Wenn sie startet, wird niemand mehr über Memes reden – sondern über Asphalt und Atem. Darauf setzt das Team, darauf setzt sie.
