Football-manager-nerds schreiben transfer-geschichte: norwegens neues rechen-monster jagt inter aus der champions league

Mit einem Laptop und einem selbst gebauten Algorithmus jagt Lars Gundersen gerade den italienischen Traditionsklub Inter aus dem Europapokal. Die Nachtschicht, die der Osloer Ingenieur 2021 neben dem Football-Manager-Screen verbrachte, zahlt sich heute für den FK Bodø/Glimt aus. Sein Start-up Fokus liefert dem Club Zahlen, die selbst große Scouting-Abteilungen verschrecken – und die dafür sorgen, dass der Underdog aus dem hohen Norden gestern mit 2:1 gewann.

Vom sofa in die arena: wie drei studenten den norwegischen markt umkrempeln

Gundersen, Kjetil Holm und Sander Nilsen trafen sich damals in einer Studenten-WG, um virtuelle Meister zu werden. Heute sitzen sie in Glasbüros und lassen echte Gegner alt aussehen. Ihre Idee: Jede Laufstatistik, jede Pressing-Quote und jede Sprintfrequenz der letzten fünf Jahre in einer Datenbank bündeln, die mit maschinellen Lernmodellen arbeitet. „Wir wollten wissen, warum ein Spieler in der Simulation 20 Tore schießt und in der Realität versagt“, sagt Gundersen. Die Antwort: Fehlende Kontextdaten. Also bauten sie ein Modell, das Temperatur, Platzverhältnisse und sogar die Flugzeit zum Spielort einbezieht.

Der Klub Sakariassen war der erste, der zubeißte. Sportdirektor Stig Johansen erinnert sich: „Die Jungs kamen mit USB-Sticks voller Diagramme. Ich dachte erst an ein Studentenprojekt – bis ich sah, dass ihr Algorithmus einen 19-jährigen Mittelfeldspieler aus der dritten Division empfahl, der heute für 3,2 Millionen Euro nach Belgien wechselt.“

Die inter-sensation war kein zufall

Die inter-sensation war kein zufall

Bodø/Glimt nutzte Fokus, um die individuellen Schwächen jedes Inter-Spielers zu kartieren. Das Ergebnis: 47 Seiten Analyse, in denen steht, wann Alessandro Bastoni den linken Innenverteidiger wechselt und wie laut Matteo Darmian die Kommandos gibt, wenn er erschöpft ist. „Wir haben nicht nur geguckt, wer schnell ist, sondern wer in der 75. Minute noch schnell ist“, erklärt Holm. Die Zahlen lügen nicht: In den letzten 23 europäischen Spielen, in denen Klubs mit Fokus-Daten arbeiteten, gewannen sie 16-mal.

Der Markt reagiert. Laut der Osloer Sportökonomin Live Ranheim haben sich die Transfersummen in der Eliteserien seit 2022 um 38 Prozent reduziert – bei gleicher Leistungsdichte. Vereine kaufen klüger, nicht teurer. „Der alte Zufallstransfer stirbt“, sagt sie. „Datenmodelle wie Fokus machen jeden Scout erpressbar, der nur mit seinem Bauch entscheidet.“

Die Konkurrenz schaltet sich ein. Der Berater Miguel Cardoso, der sonst brasilianische Talente nach Europa lotscht, flog vergangene Woche nach Trondheim. „Meine Klienten fragen, warum norwegische Zweitligisten plötzlich besser scouten als Serie-A-Clubs. Ich brauche eine Antwort“, sagt er. Die Antwort heißt: 400.000 Euro Lizenzgebühr pro Jahr – bezahlbar für jeden Club, der nicht auf Milliarden-Investoren angewiesen ist.

Gundersen lacht, wenn er an die Anfänge denkt: „Wir haben in der WG Pizza bestellt und dabei diskutiert, ob ein 17-jähriger Angreifer aus Tromsø besser ist als Erling Haaland in dessen Alter.“ Heute sitzt der Football-Manager-Veteran in Flughafenlounges und erklärt Sportdirektoren, warum ein Spieler mit 1,73 m Körpergröße trotzdem Kopfballmonster werden kann – wenn seine Sprungkraft in der 86. Minute nur drei Prozent sinkt, während die Gegner um 15 Prozent einbrechen. Die Nerd-Revolte ist Realität geworden. Und sie hat gerade erst begonnen.