Fabiani packt aus: „jedes jahr ist schwer – aber dieses mal sprengt uns die baustelle“
Angelo Fabiani spricht, bis die Stimme rau klingt. Was der Sportdirektor von Lazio Rom am Media Day von DAZN abliefert, ist kein gewöhnlicher Saisonrückblick – es ist ein Seelenstriptease eines Mannes, der gerade sieht, wie sein Selbstbild bröckelt.
Das jahr null wird zum jahr der wahrheit
„Nein, es ist nicht das schwierigste Jahr seit meiner Amtszeit“, beginnt Fabiani und dreht sofort den Spieß um. „Aber es ist das komplizierteste, weil wir gerade das Fundament neu gießen.“ Der Begriff Jahr Null fällt zum ersten Mal offiziell – und er klingt wie ein Schuldeingeständnis. Sarri hatte das Wort schon in den Wind gesprochen, nun bestätigt es der Klub von oben: Die Champions-League-Truppe von gestern ist Geschichte, die Zukunft heißt Abstiegskampf plus Talente.
Die Zahlen sind hart: bis zu acht Stammspieler gleichzeitig verletzt, in Genoa standen nur 13 Profis mit durchschnittlich 21 Jahren auf dem Rasen. „Wer das nicht schmeckt, sollte mal probieren, ohne Handgelenk zu kochen“, sagt Fabiani und meint damit die Tatsache, dass seine Transferbilanz trotzdem gelobt wird. „Wir waren im Winter der aktivste Klub Italiens – rein und raus. Aber keiner wurde weggeschickt, sie wollten alle gehen, weil ihnen das Triplikaauf Gehalt andernorts lockte.“

Der sarri-stress und die geisterspiralen
Maurizio Sarri raucht inzwischen zwei Päckchen statt einem, verrät der Sportchef. „Er lebt diesen Job so intensiv, dass ihm selbst die Katze Streifen auf dem Bauch macht, wenn er zu Hause Videos schneidet.“ Der Coach habe 38 Spieltage in 140 Tagen gezählt, dazu internationale Termine, dazu Reise-Stress. „Freitag, Sonntag, Mittwoch – das ist kein Rhythmus, das ist ein Metronom auf Drogen.“
Und dann das Publikum: seit Wochen spielt Lazio vor leeren Rängen, weil die Kurve mit der Vereinsführung hadert. „Ein Tor ohne Jubel ist wie ein Hochzeitskuss ohne Braut“, sagt Fabiani und klingt plötzlich wie ein Philosoph. „Die Adrenalin-Lücke frisst Punkte. Unsere Jungs schießen, drehen sich automatisch zur Nord – und sehen nur Plastikbanner. Das nagt.“

Europa über den pokal? „utopie“
Die Rechnung ist einfach: Wer baut, kann nicht gewinnen. „Wenn wir die Coppa Italia holen und damit die Conference League kassieren, wäre das ein Bonus. Aber erwarten darf das keiner – das wäre Betrug an der Realität.“ Fabiani zieht sogar die Karte Milinkovic-Savic: „Als er kam, war er ein Rohdiamant mit zwei linken Füßen. Heute würde ihn jeder für 80 Millionen kaufen. Ciro Immobile ging nach Dortmund und Sevilla, bevor er hier 35 Tore schoss. Das braucht Zeit, und Zeit kostet Nerven.“
Sein Fazit klingt wie ein Appell an die eigene Fanbasis: „Glaubt an die Jugend, glaubt an das Projekt, glaubt an Sarri – aber glaubt nicht daran, dass wir nächstes Jahr Meister werden. Wer das fordert, steigt besser auf Playstation. Dort kriegt man den ersehnten Gratis-Sieg mit zwei Tastendruck.“
Die nächste Etappe beginnt am Sonntag gegen Monza. Fabiani wird wieder auf der Tribüne sitzen, wieder ohne Kurve, wieder mit mindestens vier Ausfällen. Aber er hat sich seine Doktrin zurechtgelegt: „Wenn die Baustelle fertig ist, steht ein Stadion, das lauter wird als je zuvor. Bis dahin schwitzen wir – und zählen Tage, nicht Punkte.“
