Evenepoel: licht und schatten im frühjahr – kann er bei der tour wirklich mithalten?
Remco Evenepoel, der belgische Superstar, hat bei Red Bull-Bora-hansgrohe ein erstes Frühjahr hinter sich. Die Erwartungen waren enorm, die Siege zahlreich, doch im Schatten der großen Rundrennen zeichnet sich ein Dilemma ab: Kann der Doppel-Olympiasieger bei der Tour de France wirklich um den Sieg fahren? Die Antwort ist komplexer, als die ersten Erfolge vermuten ließen.
Ein vielversprechender start, der trugbild erzeugte
Der Beginn in Mallorca wirkte wie ein Märchen. Drei Rennen, drei Siege – Evenepoel schien in neuer Umgebung zu dominieren. Auch die Valencia-Rundfahrt lieferte mit zwei Etappen Siegen und dem Gesamtsieg weitere Beweise für seine Stärke. Doch diese Erfolge blieben, wie sich später herausstellen sollte, auf einem etwas fragilen Fundament. Die Konkurrenz war zu dieser Zeit nicht in Bestform, und der belgische Neuzugang tat im Wesentlichen das, was von ihm erwartet wurde: Er siegte. Die Freude in Raubling war groß, doch der Wind sollte sich bald drehen.

Die realität holt evenepoel ein
Die UAE-Tour offenbarte die ersten Schwächen. Nach einem glänzenden Zeitfahrsieg konnte Evenepoel in den anspruchsvollen Bergen nicht mit den Top-Fahrern mithalten. Dieser Trend setzte sich fort. Ein Sturz bei der Katalonien-Rundfahrt führte zu einem enttäuschenden fünften Platz in der Gesamtwertung, obwohl sein Teamkollege Florian Lipowitz das Podium erreichte. Lüttich-Bastogne-Lüttich zeigte ein weiteres Bild: Dritter Platz nach einem mutigen Vorstoß, der letztlich nicht zum Sieg reichte.

Voigt: „remco hat die realität eingesehen“
Eurosport-Experte Jens Voigt fasste das Frühjahr Evenepoels zusammen: „Acht Siege, darunter das Amstel Gold Race – das klingt beeindruckend. Aber Pogacar hat die Strade Bianche, Sanremo, Flandern und Lüttich gewonnen. Remcos Bilanz ist gut, aber nicht überwältigend.“ Voigt betonte die Diskrepanz zwischen den Einzelerfolgen und der fehlenden Konstanz in den großen Rundrennen. Insbesondere der Vergleich mit Pogacar und dem aufstrebenden Paul Seixas warnt vor übereilten Schlussfolgerungen.

Lipowitz als neue hoffnung?
Die Erkenntnis, dass Evenepoel in den hochalpinen Etappen der Tour hinter den führenden Fahrern zurückbleibt, ist schmerzhaft, aber notwendig. Voigt prognostiziert: „Lipowitz hat jedes Mal abgeliefert. Ich denke, Remco hat das mannschaftsintern erkannt.“ Die Frage ist nun, ob Red Bull seine Strategie anpassen und Lipowitz als primären Kapitän für die Tour de France nominieren wird. Denn eines ist klar: Die Lücke zu Pogacar und Vingegaard ist noch da, und Seixas hat sich in Lüttich eindrucksvoll ins Rampenlicht gerückt.
Teamchef Ralph Denk kündigte an, Evenepoel „breiter aufzustellen“, sowohl bei Rundfahrten als auch bei Eintagesrennen. Die Flandern-Rundfahrt und Paris-Roubaix könnten für den Belgier neue Chancen bieten, sein Talent in klassischen Rennen unter Beweis zu stellen. „Er hat den Ehrgeiz, Klassiker zu gewinnen und ein wirklich guter Eintagesfahrer zu sein und zu bleiben“, so Evenepoel selbst.
Obwohl die Tour de France noch in weiter Ferne liegt, ist eines sicher: Red Bull muss seine Strategie überdenken. Die Hoffnung, dass Evenepoel an Pogacar und Vingegaard herankommen kann, ist zwar noch nicht gänzlich geschwunden, aber die Realität hat dem belgischen Superstar eine Lektion erteilt. Die Reise ist noch lang, und die Frage, ob er in der Lage sein wird, das Versprechen eines Tour-Siegs einzulösen, bleibt offen.
