Enric mas wirft sich mit frischem selbstvertrauen ins giro-chaos

Enric Mas tritt den Giro d’Italia mit kaum Rennkilometern in den Beinen und einer Blessur, die ihm noch immer in den Knochen steckt, an. Doch statt zu zögern, schickt er sich an, das Podest zu erobern – nicht als nette Option, sondern als Befehl an sich selbst.

Die frage lautet nicht ob, sondern wie weit oben

„Wir haben seit der Vorbereitung auf dieses Rennen hingearbeitet“, sagte der Baskische Stratege am Rande der Präsentation in Burgas. „Ohne Podest-Ziel bräuchten wir gar nicht erst anzutreten.“ Die Worte klingen hart, aber sie sind ehrter als jede Floskel. Denn Mas weiß, dass seine Saisonbilanz bislang aus zwei Leerläufen und einem Winter voller Reha besteht. Eine Fraktur, ein Sturz, wieder Pause – das Programm der vergangenen Monate las sich wie ein Sanitätsbericht.

Dennoch: Im Sierra-Nevada-Trainingslager habe er sich „sehr gut“ gefühlt, betont er. Und ganz nebenbei hat er mit Movistar ein Team um sich versammelt, das endlich wieder wie eine Kampfgemeinschaft wirkt. Juanpe López bringt Blockhaus-Erfahrung mit, Javier Romo ist in Topform, Orluis Aular soll die Rosa nach den Sprintetappen anklopfen. Drei Rodage-Asse plus Mas – das klingt nach Rundfahrt-Mathematik: vier Mann für die Ebene, einer für das Klassement.

Vingegaard ist nicht sein problem

Vingegaard ist nicht sein problem

Die Rede ist nur am Rande von Jonas Vingegaard, dem Super-Favoriten. Mas zuckt die Schultern. „Wir müssen unsere eigenen Hausaufgaben machen“, sagt er. „Erstens kommt eine Zeitfahrt, dann ein völlig anderes Rennen.“ Die Aussage klingt wie ein Strategiepapier: Wer vor der ersten Einzeljagd noch nicht in Position liegt, kann den Giro sowieso vergessen.

Die Ausfälle von Carapaz, Almeida und Landa nimmt er mit katalanischer Gelassenheit zur Kenntnis. „Jeder Ausfall ist schade – für die Tour, nicht für mich.“ Sympathie? Fehlanzeige. Mas denkt nicht in Duellen, sondern in Minuten und Sekunden. Sein Blick richtet sich nach Süditalien, wo die Berge beginnen und die Luft dicker wird.

Italiens atem kommt erst in der dritten woche

Italiens atem kommt erst in der dritten woche

Burgas ist nur Durchgangsstation. „Hier geht’s ums Überleben, nicht ums Angeben“, sagt er. Der eigentliche Giro beginnt für ihn mit dem Asphalt von Napoli und dem Ruf der Tifosi. Bis dahin heißt es: kein Sturz, kein Zeitverlust, keine Panik. Die ersten drei Etappen sind Programm, nicht Prolog.

Die Kritik, er und Landa würden sich wie gebrochene Schallplatten wiederholen, lässt Mas kalt. „Wer nicht fürs Podium fährt, soll zu Hause bleiben“, wirft er entgegen. Die Selbstverpflichtung ist sein Antrieb, nicht die Last. Und die Zahlen? Seit seinem letzten Rundfahrt-Podest sind 19 Monate vergangen. Die Uhr tickt, das Bein ist heil, das Ziel klar.

Am Sonntag rollt das Feld über die bulgarischen Betonplatten. Mas wird hinten im Zug sitzen, die Hände locker am Lenker. Aber in seinem Kopf spielt sich schon die nächste Woche ab: Blockhaus, Gran Sasso, Crans-Montana. Drei Wochen lang wird er sich fragen, ob die fehlenden Rennschläge nachhalten. Die Antwort lautet: nur, wenn er sie zulässt. Sonst trägt er im Mai Rosa – und niemand wird mehr über fehlende Kilometer sprechen.