Emily vogel jagt den sternenhimmel – und ein em-ticket gegen slowenien

Heidelberg rappelt sich. 5.500 Stimmen schwingen sich schon vor dem Anwurf zu einem Donnergrollen, das weit über die Neckarwiese tragen soll. Emily Vogel spürt das Brummen in den Kniekehlen. Ein Sieg, dann ist Polen im Dezember kein Traum mehr, sondern Programm. Und sie? Dann hat sie 150 Länderspiele auf der Uhr, zehn Jahre Adler auf der Brust – und immer noch diesen unstillbaren Hunger.

Die rechnung ist denkbar knapp

Mittwoch, Celje: 30:23, ein Schritt Richtung EM. Sonntag, 15.30 Uhr, ProSieben MAXX live: Noch ein Sieg, und die DHB-Auswahl darf im Dezember durch fünf Länder tingeln, um endlich wieder Edelmetall zu schmecken. „Wir gehen als Favoritinnen in alle Partien“, sagt Vogel, ohne ihre Stimme auch nur ein Dezibel höher zu legen. Die Ruhe ist kein Selbstschutz, sie ist Versprechen.

Die 27-Jährige trägt das Silber von Hamburg noch unter der Haut. All-Star-Team, Platz zwei, Tränen auf dem Podest – und trotzdem: „Satt wird man nie“, sagt sie, während ihre Hände eine imaginäre Kugel umschließen. Die WM war das Highlight, klar. Aber Highlights sind auch dann Spiegel, wenn sie noch so hell strahlen. Vogel will sich nicht darin betrachten, sie will hineinrennen.

Heimspiel, jubiläum, geheimwaffe

Heimspiel, jubiläum, geheimwaffe

Keine andere deutsche Rückraumspielerin kam in den letzten zwölf Monaten an ihre Trefferquote heran. 61 Prozent aus dem Rückraum links, ein Wert, den selbst interne Analysten vor zwei Jahren noch für realitätsfremd hielten. Gegen Slowenien dürfte genau diese Linie zum Zünglein an der Waage werden, denn die Gäste verlieren in Mannheimer Hallen traditionell den Glauben an ihre Abwehrreihen. Das letzte Aufeinandertreffen in Deutschland: 34:21. Die Schlüsselspielerin damals: Vogel, neun Treffer, keine Strafminute.

Nach dem Schlusspfiff wartet eine „kleine Überraschung“, verrät Teammanagerin Anja Althaus. Keine PR-Glocke, sondern ein Dank. Silber ist nicht selbstverständlich, und schon gar nicht in einer Zeit, in der Handballverbände um Nachwuchs und TV-Zeiten betteln. Die DHB-Frauen liefern ab, was sie versprechen: Spannung, Identifikation, ein Stück weit Heimatgefühl. Wenn nach der Ehrung die Lichter dimmen, wird Vogel noch einmal auf die Tribüne blicken. Dort sitzt ihre Mutter, die seit 20 Jahren jedes Heimspiel mit einem selbstgestrickten Adler-Pullover bestickt. 150 Länderspiele, ein Leben in Schwarz-Rot-Gold.

Die auslosung folgt, der traum bleibt

Die auslosung folgt, der traum bleibt

Kattowitz, 16. April. Dort wird feststehen, ob Deutschland in der EM-Gruppe auf Norwegen trifft oder auf Frankreich – beides echte Prüfsteine, beides potenzielle Halbfinals. Doch vorher gilt: Slowenien erledigen. „Wir wollen nach den Sternen greifen“, sagt Vogel. Keine Floskel, sondern ein Kompass. Die Sterne sind weit weg, aber sie blinken bereits.

Um 17 Uhr wird Heidelberg wieder leer sein, die Hallenbeleuchtung erlischt, nur das Trikot mit der 17 hängt noch eine Weile in der Kabine. 150 Länderspiele, zehn Jahre, ein Ticket – und null Geduld mehr. Wer so lange wartet, der greift eben einfach zu.