Duplantis stellt sich einem 5,50-meter-wall und springt in stockholm über sich selbst

Stockholm – Er wirkt wie der nette Nachbar von nebenan, doch wenn die Schuhe mit Spikes an sind, wird aus Armand Duplantis ein Kämpfer mit Biss. Im altehrwürdigen Sätra Friidrottshall stellte sich der 26-Jährige am Freitag keiner normalen Latte, sondern einem 5,50 Meter hohen Werbe-Wall aus Lidl-Kartons. Das Kerngeschäft des schwedischen Ast-Rekordlers: 15 Weltmarken. Die neue Herausforderung: einen halben Himmel aus Pappe.

Ein wettbewerb mit mehr nerven als olympia

Der erste Versuch bleibt im Karton stecken. Duplantis starrt die Konstruktion an, als wolle er sie niederbrennen. Zweiter Anlauf – sein Bogen wird steiler, der Stab biegt sich, und plötzlich ragt er über dem bunten Chaos. Der Hallenboden bebt, 3.000 Zuschauer übertönen selbst die Lautsprecher. Seine Reaktion? Ein Brüllen, das Paris 2024 in den Schatten stellt. „Das war härter als Olympia“, sagt er später, „weil ich nicht wusste, ob es überhaupt geht.“

Die Aktion ist Teil eines Marketing-Kunststücks, aber für Duplantis eben auch ein Testlauf für die Psyche. „Wenn du vor dem Absprung plötzlich eine Wand siehst, verlierst du das Zeitgefühl. Du musst neu rechnen, neu abschätzen, neu vertrauen.“ Seine Lösung: „Ich habe mir eingeredet, es sei nur ein dicker Nebel. Funktioniert.“

Warum ihn freunde „mondo“ nennen – und die italiener auch

Warum ihn freunde „mondo“ nennen – und die italiener auch

Den Spitznamen trägt er seit Kindertagen. „Mein Vater wuchs in New Orleans auf, sein bester Freund hatte sicilianische Eltern. Der sagte immer ‚Armand erinnert mich an die Welt‘ – und ‚mondo‘ war geboren.“ Die italische Seele bleibt Teil seiner Identität. „Ich fühle mich ein bisschen sizilianisch, ehrlich. Mein Papa schaut ‚Der Pate‘ im Loop, und ich kenne jede Zeile mit.“

Die Verbindung zu Italien reicht tiefer als Hollywood-Nostalgie. Er freundet sich mit Gianmarco Tamberi, tauscht sich mit Marcell Jacobs aus und bewundert den Aufschwung des azzurro-Sprints. „Die Italiener bringen Emotion in die Bahn – das fehlt manchmal in der nordischen Coolness“, sagt er schmunzelnd.

Musik als zweites spielfeld

Musik als zweites spielfeld

Nach dem Sieg verschwindet Duplantis nicht in der Kabine, sondern im Studio. Hip-Hop-Beats summen, er nimmt Vocals auf, produziert R’n’B-Tracks. „Sport ist wie Krieg, Musik ist wie Liebe“, erklärt er und lässt die Finger über die Tastatur gleiten. Für die neue Ultimate Championship-Serie hat er sogar den offiziellen Song geschrieben – ein Stück, das zwischen Trap-Kicks und Stabhochsprung-Rhythmus pendelt.

Ob Post Malone oder Justin Bieber früher – die Playlist wechselt, der Drive bleibt. „Ich brauche den Ausgleich. Wenn ich nur an Höhe denke, verliere ich den Boden. Die Tracks bringen mich wieder runter.“

Sinner oder alcaraz? er wählt beide

Sinner oder alcaraz? er wählt beide

Zum Entspannen schaltet er Tennis ein. Die Frage nach seinem Favoriten beantwortet er sofort: „Unmöglich. Jannik und Carlos sind wie zwei verschiedene Sprachen – ich will beide sprechen lernen.“ Die Rivalität der beiden erinnert ihn an seine eigenen Duelle mit dem Balken. „Immer ein bisschen höher, immer ein bisschen schärfer.“

Und ganz nebenbei: Er schwärmt für Zlatan Ibrahimovic. „Ibra ist unser Gott. Ich war letztes Jahr in San Siro, nur um ihn zu sehen. Milan ist mein Verein, seit Zlatan dort gespielt hat.“

Der nächste rekord wartet nicht

Der nächste rekord wartet nicht

Die Saison wird noch länger: Europameisterschaft, Diamond-League-Finale, der Premieren-Event der Ultimate Championship. Und irgendwann die 6,40 Meter? Er zuckt mit den Schultern. „Ich lebe im Jetzt. Wenn ich heute 6,40 schaffe, was mache ich morgen? Ich setze kein Datum. Nur kein Limit.“

Die Arena leert sich, Duplantis bleibt sitzen, tippt auf dem Laptop. In wenigen Stunden wird er wieder über Höhen fliegen, die sich andere nicht mal ausmalen. Jetzt aber konzentriert er sich auf die Zeile, die gerade im DAW erscheint: „I jumped the wall – next comes the sky.“