Dhb-team feiert 41:38-krimi gegen ägypten und träumt schon von der wm 2027

Die Westfalenhalle kocht. 41:38 – die Zahlen leuchten wie ein Warnfeuer über dem Parkett, und in diesem Moment ist klar: Das EM-Silber war kein Schlusspunkt, sondern die Eintrittskarte für die nächste Liebesgeschichte zwischen Handball-Nation und ihrem Team. Johannes Golla wirbelt die Champagnerflasche, Lukas Mertens schleudert Bälle ins Publikum wie ein DJ seine Vinyls, und die Kinder vor der Bande? Die schreien sich die Seele aus dem Leib, bevor sie die Stifte hinhalten.

Die 300-tage-marke bis zur heim-wm tickt lautlos

Golla stand nach dem Abpfiff unter der Anzeigetafel, ein Mikrofon in der Hand, ein Silberstreifen im Blick. „Wir haben 2024 gelernt, was es heißt, wenn eine ganze Halle mitgeht“, sagt er und meint damit jene EM, bei der Deutschland Vierter wurde und die Fans begannen, sich einzusingen. Jetzt, 20 Monate später, ist die Bandbreite größer: Der Angriff läuft wie ein aufgezogener Uhrwerkmechanismus – 41 Treffer gegen den Afrikameister sind keine Freakshow, sondern ein Statement. Die Defensive dagegen lässt noch Lücken, durch die ein ägyptischer Keilzug nach dem anderen fährt. 38 Gegentore? „Viel zu viel“, sagt auch Alfred Gislason, aber er lächelt, weil er weiß: Sie haben gewonnen, ohne bereits ihr letztes Werkzeug auszupacken.

Juri Knorr ist der Mann des Abends. Neun Tore, davon zwei in der 58. Minute, als Ägypten auf 37:38 gekommen war. „Ich mag diesen Spielstil“, sagt er und klingt dabei, als hätte er gerade eine Shisha geraucht und dabei ein Mathebuch gelöst. „Ich gewinne lieber 41:38 als 21:20.“ Dahinter steckt ein Kalkül: Je mehr Schüsse, desto mehr Daten für den Trainingscomputer, desto besser die Simulationen für die Partien gegen Dänemark im Mai und Frankreich im Winter. Die Dänen kommen am 17. Mai nach Köln – Olympiasieger, Welt- und Europameister in einem. Die deutsche Mannschaft wird als Außenseiter antreten, aber mit einem Publikum, das inzwischen weiß, wie man Hymnen erfindet, statt sie nur abzuspulen.

Die kids wollen keine autogramme – sie wollen zeitzeugen sein

Die kids wollen keine autogramme – sie wollen zeitzeugen sein

Was die meisten Berichte unter den Tisch fallen lassen: Die Ägypter haben nicht nur physisch zugeschlagen, sondern auch taktisch. Ihre 3-2-1-Deckung ließ die deutschen Rückraumsschleudern im ersten Durchgang wie auf einem Trampolin springen. Gislason reagierte mit einem frühen Wechsel auf Sechserposition, stellte Julius Kuhn neben Knorr und ließ die Kreisläufer tiefer starten. Ergebnis: 8:2-Lauf zwischen der 18. und 25. Minute. Die Ägypter wechselten daraufhin selbst auf Manndeckung gegen Knorr – ein Schachzug, der ihnen aber die Räume für Mertens und Andreas Wolff im Tor eröffnete. Wolff parierte in dieser Phase viermal, zweimal gegen Yehia Elderaa, den linkshändigen Wurfmaschinen. Zahlen? 63 Prozent Fangquote für Wolff, 71 Prozent Angriffserfolg für Deutschland. Die Kombination macht den Unterschied.

Die Westfalenhalle ist ein Probelauf. Am 14. Januar 2027 wird hier wieder geballt, dann in der Gruppenphase gegen Polen und Schweden. Die Organisatoren haben bereits 120.000 Kartenanfragen für die Vorrunde registriert – ein Drittel kommt aus dem Ausland. Die Logistik ist ein Albtraum, aber das ist egal. Der Verband plant eine Fan-Zone auf dem Fredenbaumsportplatz, 15.000 Quadratmeter, Bier vom Fass, Bratwurst und eine 30-Meter-Leinwand. Die U-Bahn-Linie 45 wird nachts verlängert, die Polizei bereitet sich auf 300.000 Extra-Reisende vor. Keiner redet mehr über Sicherheit, alle reden über Mitgefühl – das ist die neue deutsche Handball-Realität.

Am Sonntag geht’s weiter, 15.30 Uhr, ProSieben, zweites Duell gegen Ägypten. Gislason wird seine Startformation rotieren, Renars Uscins kommt auf Linksaußen, Kai Häfner rückt in den Rückraum. Die Ägypter haben angekündigt, ihre 5-1-Deckung noch aggressiver zu spielen – ein Wink mit dem Zaunpfahl, dass sie die deutsche Mitte lahmlegen wollen. Knorr lacht nur: „Wir haben noch ein paar Varianten in der Schublade.“ Was er nicht sagt: Die Schublade ist ein Tablet, und die Varianten sind Algorithmen, die auswerten, wann Mohamed Sanad seine Sprungwurf-Parabel startet. Daten statt Drama – das ist die neue Sprache der Handball-Welt.

Die Silbermedaillen sind verstaut, der Champagner ist leer, die Kinder schlafen mit roten Flecken auf den Händen – Abdrücke von den Bällen, die sie gefangen haben. In 300 Tagen wird wieder geschossen, dann nicht nur auf Tor, sondern auf Vergessen. Deutschland will keine zweite Silber-Geschichte, es will Gold – und die Westfalenhalle wird die Bühne sein, auf der diese Sehnsucht laut wird. Golla steht beim Verlassen der Halle noch einmal vor der Kamera, ein Mikrofon, ein Satz: „Wir haben heute nicht nur gewonnen, wir haben einen Termin vereinbart.“ Mit wem? Mit dem ganzen Land. Und Termine kann man in Deutschland nicht einfach absagen.