Deutschland sucht den super-biathleten: warum der nächste preuß nicht einfach da ist

Ein Bronze-Pokal, vier vierte Plätze, kein einziger Weltcup-Sieg – und jetzt auch noch der Abschied von Franziska Preuß. Die deutsche Biathlon-Szene blickt auf die leere Stelle ihrer einstigen Galionsfigur und fragt sich: Wer übernimmt das Kommando? Die Antwort fällt ernüchternd aus. Es gibt keinen Nachfolger. Noch nicht.

Der x-faktor ist abgestellt, die reserve leer

Sportdirektor Felix Bitterling redet offen Tacheles: „Wir haben ohne Franzi nicht mehr diesen Über-Biathleten.“ Dahinter steckt kein populistisches Klagen, sondern eine nüchterne Bestandsaufnahme. Deutschland besitzt weiterhin gute Läuferinnen und Läufer, aber niemanden, der mit zwei Schießfehlern noch gewinnt, niemanden, der im Zieleinlauf die ganze Arena zum Toben bringt. Die letzten drei Athletinnen mit dieser Aura hießen Magdalena Neuner, Laura Dahlmeier und eben Preuß. Alle weg. Und nun?

Die Talente kommen, aber später und spärlicher. Julia Tannheimer (20) und Selina Grotian (21) besitzen Potenzial, doch Olympia war ein sanfter Reality-Check: Keine Top-3-Platzierung, kein Durchbruch. Bitterling verspricht Geduld: „Es dauert, bis sich ein 19-Jähriger zu einer Kämpferin entwickelt, die im Wind von Antholz noch mal drei Zähler macht.“ Geduld ist ein schweres Wort im Land der Titelhungrigen.

Das männer-problem ist größer

Das männer-problem ist größer

Während die Frauen wenigstens eine Hoffnungs-Gruppe haben, klafft bei den Männern ein Loch, das zwei Jahrgänge groß ist. Leo Pfund, Elias Seidl, Franz Schaser – alle unter 24, alle mit Talent, aber ohne den nötigen Druck von hinten. Der Grund: Es gibt keine älteren Platzhalter mehr, die ihnen die Stirn bieten. Die Konkurrenz fehlt, und wer nicht kämpft, bleibt soft. „Wir haben ein strukturelles Defizit“, sagt Bitterling, ohne Beschönigung.

Ein Satz, der wehtut, kommt von Loïs Habert. Der Franzose beobachtete deutsche Nachwuchsathleten in seinem Trainingslager und verdrehte den Kopf: „Die trainieren wie ich 2012.“ Er meinte: keine Innovation, keine Datenwut, kein modernes Periodisierungsmodell. Norwegen und Frankreich entwickeln sich mit GPS, Echtwind-Analyse und Schießrobotern weiter, während manche deutsche Gruppe noch an der alten Schneeflocke klebt.

Sisyphos mit schneefallgrenze

Sisyphos mit schneefallgrenze

Die Schneefallgrenze wandert nach oben – ein Detail, das niemand auf dem Schirm hatte. Junge deutsche Sportler rutschen erst im Dezember auf echtem Schnee, ihre skandinavischen Konkurrenten bereits im Oktober. Zwei Monate Rückstand, das summiert sich über Jahre. Standortnachtil heißt das Schlagwort. Es klingt wie eine Ausrede, ist aber eine harte physikalische Tatsache.

Dazu kommt, dass der Nachwuchs in Deutschland oft schon mit zwölf Jahren leistungsgetestet wird, statt sich spielerisch in der Loipe zu verlieren. Sven Fischer wettert gegen „stümperhafte“ Selektionsdruck-Orgien. Die Folge: viele Junioren-Weltmeister, kaum echte Weltmeister. „Wenn Kreativität und Spielraum sterben, bleiben Medaillen im Jugendbereich hängen, aber Olympiasieger werden woanders geboren“, sagt der vierfache Olympiasieger.

Die lösung kommt nicht per expresslieferung

Die lösung kommt nicht per expresslieferung

Der Deutsche Skiverband hat Taskforces, Schießakademien und Ex-Bundestrainer Mark Kirchner als Methodik-Coach. Doch selbst Bitterling räumt ein: „Hätten wir früher anfangen müssen.“ Die Reformen brauchen Jahre, bis sie Früchte tragen. Bis dahin bleibt die nüchterne Bilanz: kein Weltcup-Sieg, kein Edelmetall bei der Frauen-Staffel, kein neues Gesicht, das Sponsorenverträge in Millionenhöhe lockt.

Die Fans hungern nach einem Idol. 30.000 Zuschauer in Antholz sangen trotzdem „Sonnenmeer“-Lieder, als die deutsche Mixed-Staffel nur Bronze holte. Sie sind bereit zu lieben, sie brauchen nur jemanden, der sich ihre Liebe verdient. Momentan ist diese Liebe unerwidert.

Deutschland wird nicht untergehen, aber es wird schwieriger. Der nächste X-Faktor ist nicht auf Bestellung lieferbar. Er wächst irgendwo auf einer Waldloipe, vielleicht mit zwei Monaten Schnee-Nachteil, vielleicht mit zu viel Leistungsdruck. Die Chance, dass er trotzdem kommt, steht bei eins zu vielen – und genau daran arbeitet Bitterling bis zu seinem Wechsel zur IBU. Die Sisyphos-Arbeit geht weiter, nur die Bergspitze hat sich verschoben.