Deckarm: 47 jahre nach dem kopf-tod von tatabanya lebt der weltmeister noch einmal auf
131 Tage bewusstlos. 131 Tage, in denen Joachim Deckarms Hirn sich selbst neu programmierte. Am 30. März 1979 riss ein ungarischer Gegenspieler den besten Handballer der Welt aus seiner eigenen Haut – und aus der deutschen Sportgeschichte. Heute, 47 Jahre später, sitzt der 72-Jährige im Gummersbacher Seniorenheim und würfelt gegen Heiner Brand. Er gewinmt. Er lacht. Er lebt. Und er lehrt uns, was „Comeback“ wirklich bedeutet.
Der aufprall, der alles löschte
Die Halle von Banyasz Tatabanya war keine Arena, sie war ein Betonbunker. Die PVC-Plane darüber knarzte bei jedem Pfiff. Als Deckarm mit dem ungarischen Rückraum Lajos Panovics kollidierte, schlug sein Hinterkopf so hart auf den Boden, dass die 3.000 Zuschauer erst das Echo hörten – dann das Schweigen. Der Schädelbasisbruch war doppelt, das Hirn quetschte sich gegen die Schädeldecke, die Hirnhaut riss. Die Ärzte in Budapest notierten nur drei Worte: „Lebensgefahr, vollständig offen.“
Kein Helm, keine Matte, keine Notärzte auf der Bank. 1979 war Handball noch eine Rauferei in Turnschuhen. Deckarm lag bereits in der Klinik, als sein VfL Gummersbach das Spiel mit 18:19 verlor. Die Mannschaft weinte sich in die Kabine. Heiner Brand, damals Spieler und Seelenklempner, erinnert sich: „Wir dachten, wir hätten Jo beerdigt.“

Wie man atmen neu lernt
Deckarm wachte im Juni auf. Er konnte nicht schlucken, nicht sprechen, nicht die linke Hand heben. Doch er hatte eines behalten: den Blick eines Weltmeisters. In der Kopenhagener Messehalle hatte er ein Jahr zuvor mit sechs Treffern die Sowjets nieder geworfen – 20:19, deutscher WM-Titel. Nun musste er lernen, den Löffel nicht zu verschlucken. Werner Hürter, sein damaliger Trainer, wurde zur Stimme hinter seinem Ohr: „Ich kann, ich will, ich muss“ – das Motto wurde zum Mantra, später zur Physiotherapie.
Die Kosten explodierten. Die Deutsche Sporthilfe richtete den ersten „Deckarm-Fonds“ ein – heute ein Modell für schwer verletzte Athleten. Brand organisierte Benefizspiele, Autogrammkarten, Münzen mit Jo-Porträt. Die Handball-Familie zahlte Rechnungen, die kein Krankenhaus je stellte: Menschlichkeit.

Die rückkehr, die kein happy end kennt
Deckarm zog 1984 nach Gummersbach. Er wollte dort leben, wo er einst Tor um Tor warf. Dort sitzt er jetzt, Haare weiß, Blick klar. Er spricht langsam, aber punktgenau. Wenn Brand zu Besuch kommt, zocken sie „Mensch ärgere dich nicht“. Deckarm gewinnt meist – das Gedächtnis für Spielfiguren ist intakt, das für Torschützenkönige auch.
2014 flog er mit Brand nach Tatabanya. Panovics wartete mit einem Korb Paprika und Tränen. Die Männer umarmten sich lange. Deckarm sagte nur: „Uns verbindet mehr als ein Foul.“ Seitdem schickt der Ungar jedes Jahr eine Postkarte. Sie hängt neben dem Wimpel von Banyasz Tatabanya – dem letzten Trikot, das Deckarm trug, bevor das Licht ausging.

Warum heute jeder seinen namen ruft
Bei der Heim-WM 2019 sangen 20.000 Fans in Köln „Happy Birthday“ für ihn. Bei der EM 2024 bekam er vor dem Anwurf gegen Frankreich eine eigene Choreografie. Die junge Generation kennt keine Deckarm-Flipper, keine Deckarm-Würfe. Sie kennt den Mann im Rollstuhl, der die Daumen hoch macht, wenn die Nationalmannschaft vorbeiläuft.
2013 nahm ihn die Hall of Fame des deutschen Sports auf – nicht als Relikt, sondern als „besonderen Kämpfer“. Die Trophäe steht im Wohnzimmer, neben dem WM-Pokal von 1978. Beide sind nicht verstaubt. Deckarm poliert sie jeden Sonntag.
Die Zahl 131 ist längst keine Krankenhausakte mehr. Sie ist der Code für ein Leben nach dem Sport. Für jeden, der denkt, eine Knie-OP wäre das Ende, ist Deckarms Geschichte der Gegenbeweis. Er kann nicht mehr laufen wie früher. Aber er geht – auf seine Art. Und er gewinmt. Immer noch.
