Debora silvestri fliegt über leitplanke – fünf gebrochene rippen, doch sie schwört: „ich komme zurück“
Die Cipressa-Abfahrt frisst ihre Opfer. Am Samstag war Debora Silvestri dran. 72 Stunden später atmet die 27-jährige Italienerin auf – flach, weil jeder Atemzug wie ein Messerstich in die Brust bohrt. Fünf Rippen zerbrochen, eine Schulter angerissen, ein Körper voller Schmerzen. Und trotzdem klingt ihre Stimme nach Sieg.
„Es hätte schlimmer kommen können“ – silvestris erste worte nach dem horror-sturz
Das Foto, das sie auf Instagram postete, zeicht sie im Krankenbett, das Gesicht aufgeplatz, die Augen aber klar. „Nicht das Finale, das ich mir vorgestellt habe“, schreibt sie. „Aber ich komme zurück.“ Kein Pathos, kein Selbstmitleid – nur der nüchterne Blick einer Profi, die weiß, wie schnell Asphalt die Karriere beenden kann.
Die Bilder vom Sturz gingen durchs Netz wie ein Schlag. Massenkollision, 65 km/h, ein Sekundenbruchteil. Silvestri wird über die Leitplanke katapultiert, landet drei Meter tiefer auf Beton. Regungslos. Erst die Helfer, dann das Schweigen. Ex-Weltmeisterin Kasia Niewiadoma-Phinney, selbst gestürzt, hält die Luft an. „Ich dachte sofort an 2019, als wir Becca auf der Asphalt liegen sahen“, sagt sie später. „Diese Sekunden, in denen du nicht weißt, ob deine Freundin noch atmet – die kannst du nicht vergessen.“

Frauen-rad wird härter – und gefährlicher
Die Cipressa ist kein Zufall. Die Abfahrt ist schmal, der Belag rissig, die Kurven blind. Seit die Frauen endlich auf denselben Schluchten- und Kopfsteinpflaster-Varianten fahren wie die Männer, steigt auch das Risiko. Die Peloton-Dichte ist größer, die Geschwindigkeit steigt, die Banden bleiben dünn. „Wir wollten Gleichberechtigung“, sagt eine Mechanikerin von Laboral Kutxa. „Aber niemand fragt, ob wir dafür mehr Sicherheit bekommen.“
Lotte Kopecky jubelt am Ende. Die Belgierin sprintet auf der Via Roma vor Noemi Rüegg und trägt den ersten Sieg einer Frau aus der Flämischen Gemeinde in Sanremo ein. Doch selbst sie redet nicht über Taktik, sondern über das, was hinter ihr geschah. „Ich weiß nur, dass zwei Mädchen über die Planke flogen. Das ist kein Sieg, das ist Glück“, sagt sie mit zitternder Stimme.

Ein team zwischen euphorie und angst
Bei Laboral Kutxa wird parallel gefeiert und gebetet. Die Sportdirektorin fährt sofort ins Krankenhaus von Sanremo, die Teambusse bleibt stehen, WhatsApp-Gruppen explodieren. „Wir haben gerade erst unsere erste WorldTour-Etappe gewonnen, nun das“, sagt eine Betreuerin. „Radfahren ist ein Business, aber hier geht es um eine Kollegin, nicht um Punkte.“
Silvestri selbst schreibt weiter. Zwischen Morphin und Röntgenbildern postet sie ein zweites Foto: ihre zerschundene Hand, die immer noch den Daumen hebt. Die Nachricht: „Gruß an den Asphalt – du hast verloren.“
Die Ärzte geben vier Wochen Pause, der Kalender aber wartet nicht. Die nächste WorldTour-Station, die Amstel Gold Race, rückt näher. Silvestri wird fehlen, doch ihr Name steht bereits auf der Einschreibungsliste für die Giro Donne im Juli. „Ich werde nicht der Sturz sein, der mich definiert“, sagt sie. „Ich werde die sein, die zurückkommt.“
Die Cipressa bleibt. Und mit ihr die Frage, wie viele gebrochene Rippen die Gleichberechtigung kosten darf.
