Cobolli stürmt in top 15 – italien erlebt tennis-blitz gegen alle prognosen
Flavio Cobolli schlägt in Acapulco zu, landet bei Nummer 14 der ATP-Weltrangliste – und reiht sich ein in ein Trio, das Italiens Tennis-Historie neu schreibt. Zum ersten Mal seit Einführung der Computer-Weltrangliste 1973 stehen drei Azzurri gleichzeitig in den Top 15: Cobolli, Lorenzo Musetti und Jannik Sinner.
Ein vierjahres-horror wird über nacht zur makulatur
2019 lachte Paris noch über italienische „Clay-Courtspecialisten ohne Serve“. Heute schickt Rom drei Spieler in die Weltspitze – und das auf Hartplatz, Sand und Indoor gleichermaßen. Die Zählung: acht italienische Top-15-Platzierte seit 1973, dazu ein olympisches Gold (Berrettini), zwei Masters-Titel (Sinner) und nun Cobolli’s Breakthrough in Mexiko.
Die Talsohle war tief. Zwischen Barazzutti (1979) und Fognini (2014) vergingen 35 Jahre ohne italienischen Vertreter in der erlesenen Runde. Die Folge: Budgets strichen sich, Talente wanderten in spanische Akademien, Fans schalteten Eurosport aus. Heute fliegt der neue Wave-Camp aus Rom direkt nach Melbourne, Miami und Wimbledon – und kehrt mit Trophäen heim.
Warum dieser erfolg nicht „nur“ zufall ist
Versteckt in einem Industriegebiet von Turin arbeitet ein Team um Fitnesstrainer Claudio Zimaglia, das seit 2016 Daten sammelt: Sprintzeiten über zehn Meter, Reaktionswerte auf 150-Km/h-Aufschläge, Herzfrequenzvariationen beim Tiebreak. Ergebnis: italienische Junioren holen 14 Prozent mehr erste Aufschläge, verbrauchen zwölf Prozent weniger Sauerstoff bei fünf Sätzen. „Wir haben das Tennis zum Laborsport gemacht – und trotzdem die Seele drin gelassen“, sagt Zimaglia. Die Zahlen sprechen: 17 italienische Spieler unter den Top 200, fünf unter den Top 50.
Cobolli selbst spielte in Acapulco fünf Matches, gewann 45 von 48 Netzpunkten. Statistiker fragen sich, ob das neue Spin-Raket-Modell von Babolat die entscheidenden 300 Umdrehungen mehr bringt. Hersteller schweigen, Trainer grinsen: „Er traut sich“, sagt Coballis Mentor Potito Starace. Gemeint ist: Trau dich, das Netz zu attackieren, statt endlos von der Grundlinie zu schaufeln.
Der preis: keine jugend, dafür rankingpunkte
Cobolli flog 14-mal in diesem Jahr schon vor dem Frühstück, verpasst Freunde-Hochzeiten, kennt jedes Hotel-Auswahlmenü Europas. Für Musetti ist es das gleiche Programm. Sinner kompensierte mit Mental-Coach-Apps, die ihn in 90 Sekunden in Tiefschlaf versetzen. Sie zahlen mit Lebenszeit – kassieren dafür Preisgelder, die ihre Eltern-Generation nie sah. Cobolli kassierte in Acapulco 412.000 Dollar, so viel wie ein Oberarzt in Rom in fünf Jahren.
Die Konsequenz: In Barazzuttis Zeit schaute Italien bis zu den Viertelfinals, heute sind Viertel- und Halbfinale Pflichtprogramm. Das Publikum wächst mit den Ansprüchen. Ticketpreise für die ATP-Finals in Turin verdoppelten sich innerhalb von zwei Jahren, trotzdem ausverkauft.
Die nackte prognose
Clay-Saison beginnt. Monte Carlo, Rom, Paris. Sinner gilt als Mitfavorit hinter Alcaraz, Musetti könnte erstmals ein Masters-Halbfinale erreichen, Cobolli jagt die Top 10. Experten rechnen: Schlägt er in Rom das Achtelfinale, rückt er auf Platz zwölf. Schafft er’s ins Halbfinale, könnte er Daniil Medvedev vom zweiten ATP-Seed in Paris verdrängen – und Italien würde erstmals zwei Top-10-Spieler stellen.
Die Botschaft ist klar: Das Land, das einst für Defensive und Catenaccio stand, attackiert nun auf allen Belägen. Wer nächstes Jahr in die Top 10 blickt, wird mindestens zwei italienische Namen lesen – und das ist kein Prognose-Modell, sondern schon jetzt Gewissheit.
